Reise der Grenzerfahrungen
Lebenszeichen von Fuckhead
Am kommenden Samstag präsentieren Fuckhead im WUK ihre neue DVD "Lebensfrische": Musik zwischen Industrial Noise Core, experimenteller Elektronik und Operngesang, dargeboten im Rahmen einer kunstvoll gestalteten Show der beinahe-Freikörperkultur.
8. April 2017, 21:58
So manchen mag die für die DVD-Präsentation gewählte Location, nämlich das Wiener WUK, an jenen legendären Fuckhead-Auftritt erinnern, bei dem sich Begründer und Sänger Didi Bruckmayr ein Stahlkabel durch seine Brust fädeln ließ, um sich schließlich an diesem über der Bühne aufhängen zu lassen.
So extrem geht es heute bei Fuckhead nicht mehr zu, aber nach wie vor nehmen die vier Musiker in ihren Shows das Publikum auf eine Reise der Grenzerfahrungen mit, etwa dann, wenn zwei der Bandmitglieder den zwei anderen Bandmitgliedern jeweils das Ende einer Wäscheleine zwischen die Backen ihrer Allerwertesten klemmen, um darauf die Unterwäsche, die man sich vorher gegenseitig ausgezogen hat, aufzuhängen; oder wenn es auf der Bühne oder auch in der Menge vor der Bühne wieder einmal zum Austausch diverser Flüssigkeiten, auch Körperflüssigkeiten, kommt.
Starkes Performance-Element
Ursprünglich ist Fuckhead Anfang der 1990er Jahre als eine Industrial-Noise-Core-Band entstanden, das starke Performance-Element hat sich dann mit der Zeit ganz von alleine entwickelt, erzählt Fuckhead-Komponist und -Bassist Michael Strohmann.
Auf der Bühne würden sie weitgehend spontan agieren, so Strohmann: "Wir überlegen nicht vorher großartig, was da jetzt rauskommen soll. Wir haben einige grundlegende Konzepte und kleine Ideen, die wir dann ausprobieren und die dann auf der Bühne explodieren. Manchmal funktionieren sie und manchmal halt nicht, manchmal tut man sich weh und macht es nicht mehr, oder es fühlt sich nicht gut an. Eigentlich wird alles auf der Bühne ausprobiert, weil man die Performance ohnehin nicht proben kann."
Vielzahl an Metaebenen
Die grauen Zellen bleiben während der eigentlichen Bühnenperformance weitgehend ausgeschalten. Trotzdem aber schwingt stets eine Vielzahl an Metaebenen mit, die allesamt um die Frage kreisen, wie Musikentertainment in der Gesellschaft verhandelt wird. Dabei verstehen es Fuckhead, zu polarisieren. Tatsächlich wird wohl an kaum einem anderen Bandprojekt die letztendliche Brüchigkeit der so genannten Subkultur derart offensichtlich.
Didi Bruckmayr weiß eine lange Liste an Unterstellungen und Anschuldigungen aufzuzählen, denen sich Fuckhead im Laufe ihrer Geschichte schon ausgesetzt sahen. Fuckhead wurden mit der Faschismuskeule geprügelt. Es hieß, sie seien nicht politisch korrekt. Nicht selten, so Didi Bruckmayr, stecke hinter solchen Vorwürfen aber schlicht und einfach Lustfeindlichkeit oder auch Homophobie; letztere sei umso größer, je härter die Musik würde. Generell aber würden die Rocker ohnehin bereits im Vorhinein meinen, dass Fuckhead zu sehr Kunst seien. In der Kunstszene wiederum hieß es, Fuckhead seien zu sehr Rock.
Spiel mit der Macho-Pose
Als Testosteron geflutete nackte männliche Performer zelebrieren Fuckhead offensiv die etablierten Rollenspiele des heterosexuellen, männlich dominierten Rockbusiness und brechen sie durch Homoerotik. Womit Fuckhead natürlich am männlichen Stolz und an der männlichen Eitelkeit des Rockbusiness gehörig rütteln.
In Deutschland wurde der Band nach einem Konzert sogar einmal eine Zeit lang Auftrittsverbot erteilt, ausgehend vom harten Kern des Hannoveraner Punkrocker-Flügels, wie Didi Bruckmayr erzählt: "Man hat uns unterstellt, wir seien homosexuelle Rechtsradikale, das war eine sehr hübsche Kombination. Gut, man weiß, Ernst Röhm und Konsorten, das ist nicht so von der Welt, aber für uns war es natürlich völlig absurd, zumal nämlich der Gig damals in einem ehemaligen Heim des DGB, des Deutschen Gewerkschaftsbunds, stattfand und von zwei queer guys für uns veranstaltet wurde, ganz liebevoll."
Mehr zu Fuckhead in oe1.ORF.at
DVD-Tipp
Fuckhead, "Lebensfrische", Mosz Records mosz012
Veranstaltungs-Tipp
Fuckhead, Live und DVD-Präsentation, 3. Februar 2007, Einlass 19:00 Uhr, Beginn 20:00 Uhr, WUK
Links
Fuckhead
Myspace - Fuckhead
Myspace - Didi Bruckmayr
Mosz Records
WUK
