Vom Versuch, Versäumtes nachzuholen

Bildung in Pillenform

Wissen Sie, was ein "Bildungsbuch" ist? Spätestens seit der explosionsartigen Vermehrung von gewinnträchtigen Quizshows gibt es Bücher, die "frag-würdiges" Wissen in unterschiedlichster Form aufgearbeitet anbieten. Aber neu sind Bildungsbücher nicht.

Man kennt das: Da sitzt so ein Unglückswurm auf dem heißen Stuhl vis à vis vom AQAZ (Angehimmeltsten Quizmaster Aller Zeiten) und windet sich in Qualen. Man sieht direkt, wie besagter Unglückswurm sein Hirn nach der Antwort auf diese Zweite-Klasse-Gymnasiums-Niveau-Frage durchpflügt, während man selber längst schon die richtige der vier vorgegebenen Antworten mit diversen Zusätzen vor sich hinmurmelt. Zusätzen wie "Nummer vier, du Depp!" oder "Meine Güte, die Vier! Hast net aufpasst in der Schui?" oder "Das gibt's doch nicht! Was lernen die heutzutage eigentlich noch?"

Clevere Menschen in Verlagen und hinter Schreibtischen haben die Forderung der Zeit erkannt: Sie bringen Bildungsbücher auf den Markt, in denen abzufragendes Wissen angeboten wird, zumindest solches, mit dem man höchstwahrscheinlich die Fünftausend-Euro-Frage packt.

Aber nicht, dass Sie nun glauben, es gäbe ein Buch, dessen Besitz beziehungsweise Durchackerung Ihnen helfen würde, mehr Bildung zu erwerben. Denn das Gebiet dessen, was man wissen könnte, ist riesig, je nach Showtyp in unterschiedliche Sparten aufgeteilt und manchmal sowieso nicht aus Büchern zu lernen. Oder wüssten Sie, in welchem Buch Sie nachschlagen sollten, würden Sie vor die Aufgabe gestellt, herauszufinden, mit wem Britney Spears kein Baby will, oder welcher Topstar seine Beziehung höchst öffentlichkeitswirksam per SMS auflöste? Was, das gehört zur Bildung, höre ich Sie jetzt fragen. Tja, solches wird in diversen Gewinnspielen an summen-prominenter Stelle abgefragt und somit gleichgesetzt mit Wissen über das höchstlebende Insekt oder den Baumeister von Papst Julius dem Zweiten.

Lassen Sie mich kurz einschieben: Natürlich habe ich keine Scheuklappen! Selbstverständlich habe ich in einem meiner Bedarfsartikelverkaufsmärkte auf einem der Angebotstische diese Dinger gesehen, die sich Bildungswürfel nennen und in einer würfelförmigen Verpackung eine Anzahl von CD-Roms mit kompaktem Wissen vereinen. Ich hab mir keinen zugelegt. Deshalb kann ich Ihnen auch nicht sagen, wie und ob diese BWs seriös sind. Und der Vergleich mit jenen vier laminierten DIN-A4-Seiten, die Kompaktwissen zum Thema "Meerschweinchen" oder "Insiderwissen Spanien" oder Ähnlichem im Internet anbieten, verbietet sich sowieso, weil ich diese angebotene Wissensfülle nicht überprüft habe.

Zurück zu den Büchern: Die Idee der "Bildungsbücher" ist jedenfalls nicht neu. Hatten Sie je eines von diesen legendären "Was ... denn da"-Büchern in der Hand? Die gibt es seit 1935! Das erste hieß (wie mein erstes, das uralt und blau war und viele Fotos hatte) "Was blüht denn da?". In der kommenden Saison wird die 58. Auflage dieses Blüh-Kompendiums erscheinen. Auch sehr gerne genommen: Die Beck'schen kleinen Wissenstaschenbücher, die zu allen möglichen Themen von A-llergien bis Z-wangskrankheiten Kompaktwissen anbieten. Oder kennen Sie die "Alles was man wissen muss"-Bücher von Dietrich Schwanitz? Gibt's für Geschichte, Musik, Literatur, Philosophie, und zwar auch in der Variante für Lesefaule: als Hörbücher. Ob man darin allerdings die Antwort zur Hundertfünfzigtausend-Euro-Frage findet?

Ganz sicher nicht findet man diese Antworten in einem der verrücktesten Bildungsbücher, das ich in der letzten Zeit in die Finger bekommen habe. Denn dieses Buch dient einer höheren "Bildungsaufgabe", der Bildung des Homo Europäensis Comunis. Die Autoren Peter Prange, Frank Baasner und Johannes Thiele haben vor allem eines im Sinn: uns diversifizierten Europäern zu zeigen, dass wir viel mehr gemeinsam haben als wir denken. Dass es einen europäischen Geist gibt, der nicht erst in den letzten zehn, dreißig, fünfzig Jahren entstanden, sondern seit mehr als 2.000 Jahren gewachsen ist. Dass Südmalteser und Nordfinnen einander ähnlicher sind als sie glauben, weil sie nämlich einem gemeinsamen Wertekosmos angehören, einer "in Jahrtausenden erprobten Art und Weise, die Welt zu begreifen und zu verändern", und dass der Mensch im Mittelpunkt dieses Wertekosmos steht.

Und so haben Prange und Partner zu den unterschiedlichsten Themenbereichen von "Leben und Sinn" bis "Heimatliebe und Weltoffenheit" und einigen dazwischen Texte aller Art zusammengetragen, eine bunte Mischung aus Gedichten, Artikel, Briefen, Aphorismen, Liedertexten, Grundsatzerklärungen, Ausschnitten aus Theaterstücken und Romanen, philosophischen Abhandlungen und so weiter und so fort. Das Ergebnis: ein Werte-Lesebuch von Plato bis Pop.

Diskussionswürdig wäre, ob das Buch wirklich "das ganze Abendland in einem Band" bringt, wie der Verlagstext optimistisch verspricht. Jedenfalls bietet es genug Stoff zum Nachdenken und Diskutieren - und hat damit schon ein Lehrziel erreicht, denn die Auseinandersetzung und der Meinungsaustausch gehören laut Prange und Partner zu den grundlegendsten europäischen Werten. Nun denn!

Buch-Tipp
Peter Prange mit Frank Baasner und Johannes Thiele, "Werte. Von Plato bis Pop. Alles, was uns verbindet", Verlag Droemer, ISBN 3426273926