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Gesellschaft

Islam und Demokratie

Der Islam und der Westen - Teil 6

Muslime, die im Westen leben, hätten Demokratie-Defizite, sagen die einen. Islam-Experten wie etwa Udo Steinbach vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg meinen hingegen, man könne doch eine Religion wie den Islam nicht mit einer Staatsform vergleichen.

Islam-Experte Udo Steinbach zum "Clash of Civilization"

Politische, wirtschaftliche und religiöse Faktoren haben in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder dazu beigetragen, dass alte Feindbilder sich weiter verstärken - im so genannten Westen ebenso wie in der so genannten islamischen Welt.

Einer der Diskussionspunkte ist die (Un-)Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Sind sie miteinander vereinbar oder nicht?

Äpfel und Birnen

Udo Steinbach, der Direktor des Deutschen Orient-Instituts, sagt "Nein!" Ein Vergleich zwischen dem Islam als Religion und einer Demokratie als Staatsform sei nicht zulässig: "Sie vergleichen Äpfel und Birnen. Sie können nur Religion mit Religion und Staatsform mit Staatsform vergleichen.“

"Wie viele Staaten, die islamisch geprägt sind, sind überhaupt Demokratien?“, fragt der Islam-Experte und führt unter anderem Indonesien als Beispiel an, das sich von einer Diktatur zu einer Demokratie entwickelt hat. Dabei hält er fest: "Es ist einfach nicht zutreffend, dass Muslime im Kontext ihrer Religion ein Problem mit der Demokratie haben!“

Demokratie-Defizite historisch bedingt

Udo Steinbach verweist in diesem Zusammenhang auf die demokratischen Wahlen in Ägypten, in Palästina und im Irak und betont, es stehe auf einem anderen Blatt, dass dort die Wahlen nicht immer reibungsfrei verlaufen seien und der Westen mit dem Wahlergebnis nicht immer zufrieden sei. Zur Frage, warum es aber dennoch so wenig Demokratien in der islamischen Welt gebe, stellt er fest:

"Diese Tatsache hat nichts mit dem Islam zu tun. Es hat damit zu tun, dass der Islam seit dem 13. Jahrhundert, als Europa begann, demokratisch zu werden, von den Regierungen instrumentalisiert worden ist - zur Machterhaltung. Und damit sind alle Potenziale im Islam in Richtung Säkularität und auch in Hinblick auf Demokratie unterdrückt worden.“

Aktive Partizipation

Die weit verbreitete Meinung, einem Muslim fällt es schwer, in demokratischen Systemen zu leben, ist nach den Worten von Steinbach eine Unterstellung. Er fordert daher künftig dazu auf, bei etwaigen Demokratie-Defiziten nicht auf die Religion, sondern mehr auf politische, gesellschaftliche, institutionelle und historische Faktoren zu schauen.

Auch Carla Amina Baghajati, die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, stellt sich gegen den Vorwurf, Muslime, die im Westen leben, könnten mit demokratischen Strukturen nichts anfangen. Sie verweist auf die großen positiven Schritte in Richtung aktiver Partizipation wie etwa auf das Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit oder den Präsenzdienst und vieles andere mehr.

Gestaltung: Maria Harmer · 06.01.2007

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Hör-Tipp
Imago, Samstag, 6. Jänner 2007, 0:08 Uhr

Buch-Tipp
Samuel Phillips Huntington, "Clash of Civilizations", Verlag Simon & Schuster, ISBN 074323149X

Links
IGGIÖ - Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
Institut für Iranistik
Deutsches Orient-Institut

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