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Gesellschaft

Facettenreicher Islam

Der Islam und der Westen - Teil 1

Derzeit leben etwa 20 Millionen Muslime in Europa, oft in kinderreichen Parallelgesellschaften. Mit steigender Bevölkerungszahl und besonders seit dem 11. September 2001 wachsen auch europaweit Angst und Unverständnis.

In Europa leben derzeit etwa 20 Millionen Muslime. Mit steigender Bevölkerungszahl und seit den Anschlägen in New York vom 11. September 2001 wachse auch die Angst, meint Udo Steinbach, der Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg:

"Mit ökonomischen Herausforderungen wie Asien kann der Westen irgendwie umgehen. Aber wenn sich Gesellschaften religiös organisieren und aus der Religion einen Widerstand machen, im Namen der Religion sogar terroristische Akte begehen, dann ist das etwas, was uns ganz tief unter die Haut geht. Das verstehen wir nicht, und da werden sämtliche Reflexe geweckt, seit wir den erfolgreichen Versuch gemacht haben, Religion und Politik zu trennen.“

Clash of Civilizations?

Gibt es also den "Clash of Civilizations", das gewaltsame Aufeinanderprallen der Kulturen, über den Samuel Huntington 1996 in seinem viel beachteten Buch geschrieben hat? Hatte der Politikwissenschaftler und Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika doch recht mit seiner These, dass Nationalstaaten ausgedient hätten und kulturelle Aspekte bei Konflikten gravierender wiegen?

Udo Steinbach schränkt ein: "Wer glaubt, dass jetzt die Kulturen übereinander herfallen - das ist Unfug. Wir meinen ja auch immer den Westen und die islamische Welt, nie den Zusammenprall mit einer hinduistisch, konfuzianisch oder buddhistisch geprägten Welt. Und da könnte es zwischen dem Westen und der islamischen Welt durch gegenseitige Provokationen in Bezug auf einen Zusammenprall zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung kommen.“

Islam kein monolithischer Block

Vorurteile basieren meist auf unzureichender kultureller, politischer und religiöser Kenntnis - und dies wechselseitig. Um Vorurteile auszuräumen, brauche es mehr Wissen über die Religion und die Kultur des jeweils anderen, sagt Bert Fragner. Er ist Direktor des Institus für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Unermüdlich erinnert er an den Facettenreichtum des Islam und warnt vor Verallgemeinerungen.

Bert Fragner weist in diesem Zusammenhang auf die so unterschiedlichen Staaten, ihre individuelle Geschichte und ihre vielfältigen Sprachen und Kulturen hin. Ein Großteil der Vorurteile des Westens, meint Bert Fragner, resultiere aus einem undifferenzierten Blick auf diese islamische Welt.

Religion ist nicht gleich Kultur

Eines der am weitesten verbreiteten Vorurteile gegenüber dem Islam und den Muslimen bestehe darin, nicht zwischen Religion und Kultur zu unterscheiden. Dieser Fehler - so Fragner weiter - führe dazu, dass zum Teil uralte lokale Traditionen quasi dem Islam in die Schuhe geschoben würden, wie zum Beispiel die Beschneidung der Frau in Teilen Afrikas.

Die Religion mit der traditionalistischen Lebensform einer Region gleichzusetzen, sei ein unhaltbares Vorurteil! "Religion ist ein Bestandteil von Kultur, und nicht umgekehrt“, betont der Islam-Experte und empfielt eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Islam. Arroganz sei dabei jedenfalls fehl am Platz.

Der islamische Fundamentalismus

Besonderes Augenmerk widmet Bert Fragner auch dem islamischen Fundamentalismus. Hier stellt er klar, dass islamische Fundamentalisten ein Phänomen der Moderne, und nicht der Tradition seien:

"Die islamistischen Ideologien sind allesamt unter dem Eindruck der Herausforderungen und Ungerechtigkeiten entstanden, die im Zeitalter der Moderne über muslimisch geprägte Gesellschaften gestülpt worden sind. Sie sind also das diametrale Gegenteil von islamischen Traditionalisten. Es ist aber auch schlüssig, dass gerade traditionell lebende Muslime zum Zielpublikum der Fundamentalisten gehören.“

Bedeutung des Dialogs

Den Islam prinzipiell als einen monolithischen Block, und nicht in seiner kulturellen Vielfalt zu sehen, sei nicht nur eine Quelle für weitere Vorurteile, sondern schaffe auch Identifikationsprobleme, meint Carla Amina Baghajati, die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich:

"Viele im Westen lebende Muslime sehen das mit Sorge, denn sie müssen ihre Identität dann mit einem ständigen 'So sind wir nicht' begründen. Das Sich-Wehren gegen Klischees und damit verbundene Fehleinschätzungen lassen dann kaum Zeit für eine Eigendefinition im Sinne von 'So sind wir'. Ich denke, auch das ist einer der Schlüsselmomente, um zu sehen, wie wichtig der Dialog ist!“

Gestaltung: Maria Harmer · 01.01.2007

Hör-Tipp
Imago, Samstag, 6. Jänner 2007, 0:08 Uhr

Buch-Tipp
Samuel Phillips Huntington, "Clash of Civilizations", Verlag Simon & Schuster, ISBN 074323149X

Links
IGGIÖ - Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
Institut für Iranistik
Deutsches Orient-Institut
religion.ORF.at

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