Rainer Hubert über das Speichern audiovisueller Medien

Und alles ist weg

Eigentlich war es nicht Edison, der die Tonaufzeichnung erfunden hat, sondern der Baron Münchhausen. Seine gefrorenen Posthorntöne künden leitmotivisch das Problem an: Tonbänder, Photos, Filme und Video lassen sich nur sehr schwer aufbewahren.

Tonbänder, Fotos, Filme und Video lassen sich nur sehr schwer aufbewahren. Davon können vor allem die audiovisuellen Archive ein Lied singen, die voll mit solchen Medien sind: wertvolles Kulturgut, unverzichtbarer Ausdruck von Lebensgefühl und Kultur, Spiegelbilder der Zeit und Echo unseres Lebens.

Doch die Originalträger werden unbrauchbar, und wenn sie das nicht sind, so fehlt gewiss das passende Abspielgerät, wird längst nicht mehr erzeugt, lässt sich weder auftreiben noch nachbauen.

Es muss also gehandelt werden, bevor es zu spät ist. Lange Zeit war dabei unklar, wie. Erst seit den 1990er Jahren gibt es eine wirkliche Zukunftsperspektive für AV-Medien: Digitalisierung, Überführung der Originalmedien in Dateien, die in der Folge automatisch und verlustfrei weiterkopiert - migriert - werden können.

Es ist das ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel: Träger und Formate sind nur mehr Durchzugsstationen des Medieninhaltes. Die audiovisuellen Inhalte werden in die Zukunft mitgenommen, alte Trägerformen aber wie Schlacke zurückgelassen.

Hört sich gut an. In der Praxis sieht es oft anders aus. Es ist eine Art Doppelmühle entstanden: Ohne Digitalisierung geht es nicht, mit ihr oft erst recht nicht.

Zwar ist für zahlreiche audiovisuelle Medien ihre Digitalisierung tatsächlich die einzige Rettung, aber dazu muss man zunächst die entsprechenden Mittel haben. Dann muss der Transfer ins Digitale professionell vollzogen werden, was zwar leicht gesagt ist, aber oft nicht ausgeführt wird. Statt Qualitätsarbeit Digitalisierung light quasi unter dem Motto "Digitalisieren, das kann doch heutzutage ohnehin jeder, der mit einem PC firm ist." So ist es aber keineswegs, man benötigt professionelle Hard- und Software und vor allem beträchtliche Expertise.

Aber dann, wenn all das berücksichtigt wird, dann sind die Medien gerettet? Mitnichten, dann beginnt das Problem meist erst. Viele Menschen haben mittlerweile ja ihre eigenen Erfahrungen damit gemacht: Dateien sind verschwunden, lassen sich nicht mehr öffnen, Programme zu ihrer Wiedergabe fehlen.

Also vom Regen in die Traufe? Wenn man unbedacht vorgeht, ganz gewiss. Wenn das Ergebnis einer Digitalisierung bloß CD-ROMs sind, die man frohgemut in den Bürokasten stellt, so sind die Zukunftsaussichten des Digitalisates äußerst trist. Man kann allerdings die Gegebenheiten der digitalen Welt auch ernst nehmen und für permanente Kontrolle, regelmäßiges Migrieren etc. sorgen. Dann besteht kein Grund, warum wir unsere AV-Medien (und andere digitale Informationen) nicht auf Dauer behalten, bzw. auf unserer Reise durch die Zeit mitführen sollten.

Es ist keine leichte Aufgabe und es ist auch nicht billig, aber es geht um die Bewahrung des audiovisuellen Kulturgutes des Landes. Aus Eigenem können die AV-Archive die Schwelle ins Digitale nicht überschreiten. Sie benötigen - auf Basis kluger Konzepte - entsprechende Unterstützung, damit uns nicht Sehen und Hören vergeht.

Um darüber - und anderes - zu sprechen, treffen sich die österreichischen Film- und Fernseharchive, die Schall- und Bildarchive am 16. November in Wien. Anlass ist das dreißigjährige Bestehen des gemeinsamen Vereines: Medienarchive Austria (maa). Eines der Panels läuft übrigens unter dem Titel: "Wir brauchen bloß nichts zu tun, und alles ist weg.“

Rainer Hubert, Historiker, ist Abteilungsleiter der Österreichischen Mediathek und Vorsitzender der maa – Medien Archive Austria

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 19. November 2006, 22:30 Uhr

Download-Tipp
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Medienarchiv Austria

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