Philosophie und Gespräch: Über den Tod

In unserer Gesellschaft ist der Tod ein Tabu. Steht er kurz bevor oder sterben Nahestehende, fühlt man sich verlassen in Angst und Trauer. Was haben Kierkegaard, Seneca u. a. über den Tod gedacht? Eine Lesereihe gibt Einblicke und Denkanstöße.

Die Suche nach Sinn im Leben führte ihn zur Philosophie, erzählt Alexander Tschernek. Und auch zum Tod, denn dieser ist nicht zu umgehen, meint der Schauspieler, Hörfunk-Sprecher und "Denker".

Die Auseinandersetzung mit und die Begeisterung für die Gedanken anderer brachte ihn auf die Idee zu "4 mal 4 Philosophie pur", einer Lesereihe, in der er zeigen will, dass man "nichts Spezielles wissen muss", um philosophische Gedanken zu verstehen und weiterzudenken.

In der dritten Auflage von " 4 mal 4 Philosophie pur", die er derzeit in Wien abhält, leiht Alexander Tschernek Kierkegaard, Seneca, Arendt und Jankelevitch seine Stimme, bringt eigene Überlegungen ein, ermöglicht den Zuhörern einen offenen, freien Zugang zur Philosophie und eine ungezwungene Diskussion.

Das Ende des Lebens, das ohnehin ein "Sein zum Tode" (Heidegger) ist? Ein "weltliches Ereignis" (Arendt), aus medizinischer Sicht die "banalste Sache der Welt" (Jankelevitch) oder ein Mysterium, ein Geheimnis? Bedeutet der Tod das Aufhören des Seins oder einen Neubeginn? Die Macht, die Einstellung zum Tod - sie beeinflusst auch das Leben.

Tod als Ende oder: unsterbliche Seele
In der Philosophie lassen sich vereinfacht zwei Grundhaltungen gegenüber dem Tod unterscheiden: Jene, die den Tod als natürliches aber bedrohliches Ereignis begreifen, als Ende, auf das man sich sein Leben lang vorbereitet; jene, für die der Tod ein natürliches Ereignis ist, das kein Ende des Lebens bedeutet, denn die Seele ist unsterblich.

Den Tod denken - geht das?
Der Tod ruft ins Leben, sagt Alexander Tschernek, daher muss er sich mit ihm auseinandersetzen, indem er philosophiert und meditiert. Im Tod liegt für ihn ein "Prüfungsmoment", bei dem er sich für seine Taten verantworten wird müssen.

Alexander Tschernek versucht im Sinne Kierkegaards, sich "selbst tot zu denken", "den ernsten Gedanken des Todes ins Leben einzuüben, um schließlich jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte und zugleich der erste in einem langen Leben". Ob es gelingt? Er macht Fortschritte, meint Alexander Tschernek; seine Angst werde geringer.

Denk-Anstöße
Die Zuhörer von "4 mal 4 Philosophie pur" haben sich alle schon Gedanken über den Tod gemacht; viele sind deswegen zur Lesung ins "Atelier 7" gekommen. Ein Feuerwehrmann ist da, eine Businesskundenbetreuerin einer Fluggesellschaft, eine Mitarbeiterin eines Unfallkrankenhauses, ein EDV-Techniker, eine Landschaftsgestalterin. Bei der Lesung aus Hannah Arendts "Vita activa" schweifen die Blicke aus den Fenstern, bei Kierkegaards "An einem Grabe" fühlen sich alle angesprochen.

Alexander Tschernek versteht es - berufsbedingt - auch kompliziertere Texte, lange Sätze, verständlich vorzulesen, er fängt die Zuhörer in eine ganz besondere Stimmung. Die Diskussion im Anschluss an die Lesung muss er schließlich beenden. Mit Gedanken zum Weiterdenken gehen die Menschen nach Hause.

Service

Buch-Tipps
Hannah Arendt, "Vita activa oder Vom tätigen Leben", Piper, ISBN 3492236235

Philippe Ariès, "Studien zur Geschichte des Todes im Abendland", Hanser, ISBN 3446122842

Vladimir Jankélévitch, Kann man den Tod denken? Aus dem Französischen von Jürgen Brankel, Turia + Kant, ISBN 3851323408

Sören Kierkegaard, Drei Reden bei gedachten Gelegenheiten, Grevenberg, ISBN 393676218X

Christian Müller, Der Tod als Wandlungsmitte, Zur Frage nach Entscheidung, Tod und letztem Gott in Heideggers "Beiträgen zur Philosophie" - Dissertation, Duncker und Humboldt, ISBN 3428095979

Platon, Meisterdialoge, Übersetzt von Rudolf Rufener, Patmos, ISBN 3491961386

Seneca, Mächtiger als das Schicksal, Ein Brevier, Diogenes, ISBN 3257231261

Norbert Fischer, Geschichte des Todes in der Neuzeit, Sutton, ISBN 3897023423

Christoph Daxelmüller (Hrsg.), Tod und Gesellschaft - Tod im Wandel, Schnell und Steiner, ISBN 3795411149

Sandra Joachim-Meyer, Sinnbilder von Leben und Tod: die Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft, Tectum-Verlag, ISBN 3828887538

Ulrich H. J. Körtner, Der unbewältigte Tod. Theologische und ethische Überlegungen zum Lebensende in der heutigen Gesellschaft, Rothe, ISBN 3927575623

Rainer Marten, Der menschliche Tod: eine philosophische Revision (Philosophische Positionen 6), Schöningh Paderborn, ISBN 3506765353

Hans Ebeling (Hg.), Der Tod in der Moderne, Hain, ISBN 3445070156

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Alexander Tschernek