Wenn Künstler Wellen schlagen

In den letzten 20 Jahren wurden zwar große Institutionen, erfolgreiche Festivals und neue Lehrgänge für digitale Kunst geschaffen, aber in der Auseinandersetzung mit Medienkunst fehlt es bis heute an soliden theoretischen Grundlagen.

Die Rede von der "Immaterialität der Medien" und dem "Leben in virtuellen Welten", steht in seltsamen Kontrast zur Existenz eines Computers auf jedem Schreibtisch und eines Handys in jeder Jackentasche. Seit mehr als zehn Jahren ist das Internet öffentlich zugänglich und für immer mehr Menschen ist der Umgang mit digitalen und elektronischen Medien eine alltägliche Selbstverständlichkeit.

Der Diskurs über Medienkunst ist allerdings über eine Aufzählung der verschiedenen Genres und Subdisziplinen wie Netzkunst, Videokunst, Software-Kunst, Interaktive Kunst etc. noch nicht hinausgekommen. Man fühlt sich wie ein Ertrinkender inmitten eines Ozeans.

In dieser Situation überlegte ich gemeinsam mit Franz Xaver, österreichischer Pionier der Medienkunst und Leiter des Medienkunstlabors Graz, wie man den Diskurs über die Medienkunst vom Kopf auf die Füße stellen könnte. Gibt es etwas, worauf sich die Medienkunst zurückführen ließe und woraus sich ein neuer theoretischer Ansatz ableiten ließe? Dabei sind wir zum Ursprung, also auf die Wellen gekommen.

Elektromagnetische Wellen existieren als Teil der Natur, ja, sogar als Konstruktionsprinzip der Materie. Die elektromagnetische Kraft hält die Atome zusammen. Verschiedene Bänder des elektromagnetischen Spektrums haben verschiedene Eigenschaften. Starke Gewitter verursachen extrem langwellige Schwingungen, die uns möglicherweise unterschwellig psychologisch beeinflussen. Farben sind verschiedene Frequenzen des Lichts im extrem hochwelligen Bereich.

Die Sonne schleudert uns mächtige elektromagnetische Felder entgegen, von denen wir gebraten werden würden, wäre die Erde nicht vom Van Allen Gürtel umgeben. Die Materie schwingt nicht nur im Innersten, wir sind auch ständig von Schwingungen auf verschiedensten Wellenlängen umgeben und durchdrungen. Dabei plagt die Wissenschaft ein eigenwilliges Problem. Sie kann nicht erklären, ob es sich beim Licht um Wellen oder Teilchen handelt. Dasselbe Problem begegnet uns auf der Ebene der kleinsten Teilchen, der Quanten. Einmal verhalten sie sich wie Partikel, einmal wie Wellen.

Seit den Entdeckungen und Erfindungen von Maxwell, Hertz, Tesla, Marconi und wie sie alle heißen, wissen wir elektromagnetische Wellen technisch zu nutzen. Die Elektronik gab uns das Radio, das Fernsehen, den Computer, das Rastertunnelmikroskop und die Radioteleskope, die das All ablauschen. Sie gab uns aber auch die Atombombe, die grausamste Massenvernichtungswaffe, die je ersonnen wurde, und das Zeitalter der Massenmanipulation via Radio und Fernsehen. Doch was sind schon 100 Jahre Radio gegen Millionen Jahre elektromagnetischer Strahlung aus dem All?

Meine These lautet, dass die elektromagnetischen Wellen das eigentliche Medium der Medienkunst sind. Und zwar auf einer ganz physischen oder wenn man so will, materialistischen Basis. Medienkunst zu kreieren, heißt, sich auf Wellen einzulassen. Eine Theorie der Medienkunst kann an diesem Faktum nicht vorbeisehen. Auch wenn Computer wie verschieden gestaltete Boxen aussehen, so schlägt im Herz des Chip der digital kodierte Puls einer elektromagnetischen Welle.

Um diesen Ansatz weiter zu treiben, habe ich die Ausstellung "Waves" im vergangenen Sommer in Riga initiiert. Es zeigte sich, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler auf einer ganz fundamentalen Ebene mit Wellen beschäftigen. Sie bauen Antennen, technische Artefakte, um sie hör- und sehbar und damit nutzbar zu machen.

Sie erzeugen ihre eigenen Wellen, bauen eigene Kommunikationssysteme oder forschen in Bereichen, welche die Wissenschaft längst aufgegeben hat, wie im Bereich der extrem niederfrequenten Schwingungen. Oder sie erschaffen Systeme die den Sound der Sonne oder der Hintergrundstrahlung des Universums wiedergeben. Damit kreieren sie ästhetisch interessante Erfahrungen und neue Räume der Wahrnehmung.

In der Medienkunst steht meist die Beschäftigung mit den Signalen im Vordergrund, also mit medialen Inhalten, die von den Wellen transportiert werden. Doch der Äther ist eine massenmedial überfüllte Zone. Zu viele Meinungen und Kanäle kämpfen hier um Aufmerksamkeit. Künstlerinnen und Künstler sollten Positionen außerhalb des medialen Mainstreams beziehen. Dies können sie dann tun, wenn sie selbst Wellen erzeugen oder Wellen benutzen, die vom gesellschaftlichen Mainstream unbeachtet bleiben. Indem Künstler und Techniker ihre eigenen Kommunikationssysteme erfinden und betreiben, verweisen sie auf die Existenz alternativer Kommunikations- und Wahrnehmungsweisen. So entstehen etwa in freien Funknetzen neue kulturelle Spielräume und gesellschaftspolitisch relevante Diskussionen über Kommunikations- und Meinungsfreiheit abseits kommerzieller Interessen.

Vielleicht ist der gesellschaftlich dominante Umgang mit Elektromagnetismus nur ein Unfall der Geschichte? Denn aus dem Spektrum der Möglichkeiten haben sich einige wenige durchgesetzt, die im herrschenden politisch ökonomischem System sinnvoll erscheinen. Wenn Künstlerinnen und Künstler Wellen schlagen, verweisen sie auf ungenutzte Potentiale. Durch den utopischen und spekulativen Umgang mit Wellen wird die im Kern spielerische und experimentelle Praxis mit Technologien auch eine politische. Denn die Wellen waren von Anfang an da und sind für alle da.

Armin Medosch arbeitet im Bereich digitaler und vernetzter Kunst und Kultur als Autor, Künstler und Kurator. Er ist Autor des Buches "Freie Netze" und hat zuletzt die Waves Ausstellung in Riga initiiert und co-kuratiert. Er ist Senior Lecturer am Ravensbourne College of Communication und Design in London.

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 5. November 2006, 22:30 Uhr

Download-Tipp
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Links
Metamute - Armin Medosch "Waves"
Waves

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