"Das falsche Schwein geschlachtet"

Josef Joffe, Jahrgang 1944, studierte und promovierte an der Harvard-Universität und ist seit 2000 Mitglied im Herausgeber-Gremium der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". Er spricht über den "falschen Krieg zur falschen Zeit gegen den falschen Mann".

Josef Joffe über die Bombe

Im Dezember 1991 begann eine neue Epoche der Weltgeschichte, nach dem Zusammenbruch der UdSSR würden die USA zur einzigen verbleibenden Supermacht. "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe, einer der besten Kenner Amerikas im deutschsprachigen Raum, schildert in seinem neuen Buch "Die Hypermacht" den Weg der USA zur Alleinherrschaft.

Joffe, 1944 im Getto Litzmannstadt im polnischen Lodz geboren, wuchs in Berlin auf, studierte und promovierte an der Harvard-Universität. Er ist seit April 2000 Mitglied im Herausgeber-Gremium der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit".

Michael Kerbler: In Kreisen amerikanischer Neokonservativer geistert im Moment schon dieser fatale Satz "Wir haben das falsche Schwein geschlachtet", sprich wir hätten eigentlich nicht Saddam Hussein beseitigen sollen, sondern es wäre das erste Ziel Teheran gewesen. Ich zitiere jetzt Ihre eigene Zeitung "DIE ZEIT", die mit der Schlagzeile aufgemacht hat "Aus Schaden wird man dümmer". Ist die Zielrichtung wirklich die falsche gewesen?
Josef Joffe: Also mir ist nicht bekannt, dass die üblichen Verdächtigen, also die Neokonservativen so reden, denn die waren ja diejenigen, die auf die irakische Karte alles gesetzt haben. Im Übrigen Klammer auf: nicht etwa im Dienste der Israelis, wie es gewisse Kreise behaupten. Die Israelis haben immer gesagt, der entscheidende Gegner ist nicht Irak, es ist Iran, Iran, Iran. Ich kenne diese Leute, die immer wieder genannt werden. Ich hab von denen nicht gehört, dass sie vom "falschen Schwein" geredet haben. Aber ich denke so!

Wenn man nach kalten, realpolitischen Gesichtspunkten über den Nahen Osten nachdenkt, dann war das der falsche Krieg zur falschen Zeit gegen den falschen Mann. Denn die wirkliche Bedrohung für amerikanische Interessen in der Region war doch nicht Saddam Hussein. Saddam war geschwächt, er war isoliert, er war eingekreist. Er hatte - wie wir nun sehr genau wissen - keine Atombomben. Er arbeitete nicht an chemischen oder biologischen Waffen. Da haben die UN-Inspektoren ganze Arbeit geleistet. Eine Terror-Connection gab's auch nicht. Also wieder aus sehr kalter, realpolitischer Sicht gesehen: Wer bedrohte die amerikanischen Interessen? Iran.

Iran baut eine Bombe. Iran hat eine gewaltige Armee. Iran hat Terror gesponsert, das wissen wir, zwischen Beirut und Berlin, zwischen Hamas und Hisbollah. Also alle realpolitischen Analysen hätten eigentlich auf Iran gezeigt.

Was jetzt passiert ist, ist dass die Iraner eigentlich jubeln müssten und den Amerikanern täglich die Füße küssen müssten. Wenn Muslime Sekt trinken würden, dann hätten Sie wahrscheinlich die Korken knallen hören an dem Tag, an dem die Amerikaner in Bagdad einmarschierten. "Vielen Dank, großer Satan! Du hast unseren schlimmsten Feind weggeräumt. Du hast unsere schiitischen Brüder, die unter dem Joch der Sunniten lebten, befreit. Und du wirst dich ganz bestimmt in einen Krieg dort begeben, den wir steuern können". Also realpolitisch gesehen war es wirklich das falsche Schwein.

Und die Folge dieses Krieges ist zumindest ein Prestigeverlust Amerikas, und ein gewaltiger Prestigegewinn der Iraner.

Hör-Tipp
Im Gespräch, Donnerstag, 5. Oktober 2006, 21:01 Uhr

Mehr dazu in Ö1 Programm

Buch-Tipp
Josef Joffe, "Die Hypermacht. Warum die USA die Welt beherrschen", Hanser, ISBN 3446207449

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CD-Tipp
"Im Gespräch Vol. 7", ORF-CD, erhältlich im ORF Shop

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Die Zeit