Kreativer Umgang mit digitalen Tools
Je freier die kulturellen Artefakte im Netz zirkulieren, desto mehr Aufmerksamkeit wird generiert. Rund um Creative Commons, einem Lizenzierungsmodell für kreative Werke im digitalen Raum entstehen neue Geschäftsmodelle.
Mit dem Slogan "We are not evil" startete John Buckman 2003 sein Netlabel Magnatune. Inspiriert hat ihn die Open-Source-Bewegung, deren Prinzipien er auf die Musikwirtschaft übertragen will. Fair play ist ein Grundsatz, dem er sich verpflichtet fühlt. Wie sein Businessmodell funktioniert? Auf der Website finden sich derzeit 500 digitale Musikalben, die man von Anfang bis zum Ende und das so oft man will, spielen kann.

Rund um Creative Commons entstehen neue Geschäftsmodelle.
Von etwa 42 Besuchern ist einer bereit, zu kaufen, berichtet John Buckman. Eine Zahl, die der Netlabel-Gründer als Erfolg verbucht. Denn auch nicht jeder Besucher eines CD-Shops greift sofort zur Geldbörse. Fixpreise gibt es keine, da jeder Käufer den Kaufpreis selbst bestimmt.
Der Download eines ganzen Musik-Albums wird zwischen vier und 14 Euro angeboten, im Durchschnitt werden acht Euro bezahlt. Magnatune macht für die Musiker alles, von Publicity bis Marketing-Plan, was eine normale Plattenfirma auch tun würde. Der Unterschied sei aber, dass der Musiker die Hälfte der Einnahmen bekommt und sein Copyright behält, meint John Buckman.
Da sich Musik heute über Filesharing-Programme, wie Emule oder Lime-Wire gratis absaugen lässt, will Magnatune die Ehrlichkeit seiner zahlenden Kundschaft belohnen. "Wir fragen die Leute, wie viel sie zahlen möchten", so John Buckman. Außerdem werden die Musikfiles so zur Verfügung gestellt, dass es keinerlei technische Restriktionen gibt, die die Nutzung einschränken.
Wer die Musik für Podcasts verwenden will, muss dafür auch nicht extra bezahlen. Denn Podcasts sind wie kleine Piratenradios und helfen bei der Verbreitung der Musik, so der Netlabel-Betreiber.
Was zur Zeit die Kassen klingeln lässt, sei die Lizenzierung der Musik für die kommerzielle Verwertung in Low-Budget Filmen, bei Firmen-Präsentationen oder etwa Telefonanlagen, berichtet Buckman. Da die Lizenzierung online erfolgt, automatisiert ist und unbürokratisch, sind die Preise sehr kostengünstig. Das Angebot erfreut sich großer Nachfrage.
"Wenn man ein Movie macht und ins Netz stellt, dann braucht man nur die Creative Commons Lizenz anklicken und kann die Musik frei herunterladen und sie für das eigene Projekt verwenden", berichtet John Buckman. Das funktioniere sehr gut. Nur aus einem kleinen Prozentsatz dieser Projekte werde ein kommerzielles Produkt. Wenn das der Fall ist, könne man im nach hinein auch leicht eine kommerzielle Lizenz erwerben.
Lawrence Lessig, Rechtsprofessor an der Stanford Law School und Initiator der Creative Commons Bewegung spricht von einem kulturellen Wandel. In einer Welt voller digitaler Werkzeuge und junger Menschen, die damit kreativ sein können, werde die Remix-Kultur zur Massenkultur.
Die Creative Commons Lizenz, die Urhebern verschiedene Varianten einräumt ihre kreativen Werke zu schützen, ist der erste Schritt zu einer Demokratisierung der medialen Ausdrucksfähigkeit. Statt "All Rights Reserved", wie es das Copyright vorsieht, kann mit "Some Rights Reserved" etwa ein Song für den nicht-kommerziellen Bereich zum Remix freigegeben werden.
"Also wenn Sie drei Bücher lesen und dann einen Text schreiben, der das, was Sie gelesen haben zusammenfasst, dann üben Sie sich dabei in kritischem Denken", so Lawrence Lessig. Aber schreiben sei nur eine Form des kreativen Ausdrucks. "Die Realität ist vielmehr, dass sich die meisten Leute die Welt nicht mehr nur über Worte erschließen, sondern über das Radio, das Fernsehen, die Musik, Videos oder Computerspiele."
Er möchte, dass sein Kind, wenn es zur Schule geht, schreiben lernt, mit Worten, aber auch mit Bildern. "Ich möchte, dass es sich über Fotos und Videos ausdrücken kann. Ich möchte, dass es lernt wie man Sounds verändert und damit etwas sagen kann".
Medienkompetenz und der kreative Umgang mit den digitalen Tools werden die Bildung im 21. Jahrhundert ausmachen, so Lessig, der die neue digitale Kultur als Read-Write Society beschreibt.
"Wir sollten das feiern und fördern, und wir sollten uns schämen, für Rechtsmodelle, die unsere Kinder zu digitalen Analphabeten machen", so Lessig, "denn Alphabetisierung bezieht sich heute nicht mehr nur auf Text und Wörter, sondern auch auf Medien."
Text: Ina Zwerger · 24.09.2006
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 24. September 2006, 22:30 Uhr
Download-Tipp
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Links
Wizards of OS4 - "The Read-Write Society", Keynote von Lawrence Lessig bei der "Wizards of OS" Konferenz in Berlin, Mitschnitt als MP3, MP4 und OGG
Wizards of OS4 - Netlabels: Niche, Long Tail, Blueprint?, Mitschnitt als MP3, MP4 und OGG
Magnatune