Standort: oe1.ORF.at

Wissen

In unbekannten Gewässern

Felix Stalder über Netzpiraten

Was wäre wenn? Dies ist eine klassische Frage, die viele Künstler und Computerhacker motiviert. Die Möglichkeiten der (Internet)Welt sind nach wie vor größer als das, was bereits realisiert wurde und auch größer als das, was wir uns vorstellen können.

Natürlich ist nicht alles was möglich ist, auch wünschenswert. Aber da sind wir schon bei dem Problem, welche Wünsche als die "guten" und welche als die "schlechten" gelten sollen. Das ist in einer globalen, dezentralisierten Welt gar nicht mehr so einfach zu bestimmen und durchzusetzen. Also lassen wir das Problem zunächst bei Seite und tauchen ein in die nebulose Zone wo sich das Realisierbare und das gerade noch Denkbare berühren. Da wir nicht wissen können, was auf uns zukommt, folgen wir einfach zwei Projekten, die versuchen die neuen Spielräume auszuloten.

Hier ist etwa das Schwedische Piratenbüro (Piratbyran), das sich der Erforschung einer Kultur jenseits der urheberrechtlichen Kontrolle verschrieben hat. Die einfache Frage lautet, was passiert, wenn jedes digitale Musik-, Ton-, oder Filmdokument für jedermann und an jedem Ort frei zugänglich wäre.

Die Antwort darauf kann, ganz ehrlich, nur sein: wir wissen es nicht und wir können es nicht wissen, ohne dass wir es versuchen. Dies ist keine Frage, die sich logisch extrapolieren ließe oder modellhaft simulieren. Die ökonomischen, politischen und kulturellen Prozesse sind viel zu komplex, als das sie sich im vorraus berechnen oder nur abschätzen ließen. Jeder, der etwas anderes behauptet, macht Interessenspolitik.

Das Piratenbüro, ein loser Zusammenschluss von knapp einem Dutzend Personen, arbeitet seit rund drei Jahren an dieser Frage und die Prozesse, die dadurch ausgelöst werden, entziehen sich schon länger der Vorhersehbarkeit. Nach einigen aktivistischen Interventionen, die eine nur relativ bescheidene Resonanz auslösten, begannen sie damit, einen Knotenpunkt für die nicht regulierten Filesharing-Netzwerke, die "Piratebay", aufzubauen.

Nun war die Resonanz überwältigend, und bald hat sich eine neue Gruppe gebildet, die sich ganz auf diese technologische Aufgabe konzentriert. Dies hat die Polizei auf den Plan gerufen, die versuchte, diese Piratenbucht stillzulegen. Als bekannt wurde, dass hier die US Regierung die Hand mit im Spiel hatte, ging eine Protestwelle durchs Land, und die Piratebay ging wieder online, mit mehr und besserer Infrastruktur als zuvor.

Als Reaktion darauf, bildete sich eine Piratenpartei, die auch bei den Schwedischen Parlamentswahlen vom letzten Wochenende antrat. Das Ergebnis war mit knapp 0,5 Prozent zwar bescheiden, der Einfluss auf die Politik ist dennoch groß und die Kriminalisierung von Filesharing ist in weite Ferne gerückt. Wer hätte das gedacht? Noch hat das Projekt keine Antworten auf die ursprüngliche Frage geliefert, aber es hat einen diskursiven und technologischen Platz geschaffen, um diese Frage überhaupt einmal stellen zu können.

Verlassen wir an dieser Stelle die fröhlichen Piraten aus Schweden und stochern wieder im Nebel des knapp noch Vorstellbaren herum. Mit etwas Glück treffen wir auf die Gruppe "Bitnik" aus Zürich, die gerade an einem Projekt arbeitet, das sie "Copyfight!" nennt. Wieder die Frage, was wäre wenn. Diesmal, was wäre, wenn wir selbst organisierte Computernetzwerke wie etwa "Funkfeuer", das ja mittlerweile sogar das Weinviertel erreicht hat (vgl. "Das ewige Funkloch - Teil 2), mit Filesharing- Netzwerken und TV zusammenbringen?

Auch hier müssen wir ehrlicherweise antworten: Keine Ahnung! Deshalb ist die Gruppe eifrig am Bauen der notwendigen Infrastruktur. Da sind die Netzwerkknotenpunkte, die nicht nur dazu dienen, die Internetdaten auszutauschen, sondern auch so modifiziert werden, dass sie als terrestrische Micro-TV Sender funktionieren, und im Umkreis weniger hundert Meter, via TV-Antenne zu empfangen sind.

Nicht gerade viel Sendeleistung, aber wenn man sich vorstellt, dass jeder Knoten im Netzwerk auch gleich ein TV-Sender ist, dann kann schon einiges an Abdeckung zusammen kommen. Eine TV-Station besteht aber nicht nur aus einem Sender, sondern auch aus Sendeinhalten. Diese kommen teilweise von den Zuschauern selbst, teilweise aus den Filesharing-Netzwerken.

Das Sendearchiv liegt auf einen gemeinsam nutzbaren Server, aus dessen Material die Sendungen von den Nutzern selbst zusammengestellt werden. Wird sich das Modell durchsetzen? Niemand weiß es. Im Herbst wird es in London, in Kooperation mit lokalen freien Netzwerken erstmals experimentell erprobt. Es geht hier nicht darum, eine Alternative zur BBC zu schaffen, sondern den Möglichkeitsraum zu erproben und sich von seiner ständig wandelnden Topologie inspirieren zu lassen.

Nach und nach lichtet sich der Nebel. Was kaum vorstellbar war, wird plastisch. Die Entrepreneurs, die das alles dann für die große Masse aufbereiten und sich als Pioniere feiern lassen, werden diese Zone erst viel später betreten. Zunächst gehört sie noch den Künstlern, Hackern und Piraten.

20.09.2006

Felix Stalder ist freier Forscher im Bereich Medien und Gesellschaft und lehrt Medienökonomie am Studienbereich Neue Medien, Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Bei der "Wizards of OS 4", die letzte Woche in Berlin stattfand hat er ein Panel zum Thema "freedom expanded" moderiert".

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 24. September 2006, 22:30 Uhr

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Links
Wizards of OS4
Felix Stalder

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick