Gefangen in Kabul

Die mutmaßliche Entführung des deutschen Staatsbürgers Khaled es Masri durch die CIA schlug zuletzt im Mai 2006 hohe Wellen, als eine Klage el Masris in den USA im Interesse der staatlichen Sicherheit abgelehnt wurde. Die Ö1 "Hörbilder" rekonstruieren den Fall.

"Ein Spinner", denkt der Ulmer Rechtsanwalt Manfed Gnjidic, als Khaled el Masri ihn im Juni 2004, wenige Tage nach seiner Freilassung, aufsucht und ihm erzählt, er sei von Amerikanern nach Afghanistan verschleppt worden. Doch als der abgemagerte Mann mit langem Haar und langem Bart seinen Bericht beendet hat, glaubt ihm der Rechtsanwalt. Er schickt eine ausführliche Schilderung der Entführung an die deutsche Regierung und bittet um Aufklärung.

Fahrt in den Alptraum

Der aus dem Libanon stammende Deutsche bucht eine Busreise nach Mazedonien. Am 31. Dezember 2003 beginnt für ihn die Fahrt in einen Alptraum. An der jugoslawisch-mazedonischen Grenze holen ihn Sicherheitsbeamte aus dem Bus, drei Wochen lang hält man ihn in Skopje fest, dann wird er CIA-Agenten übergeben, die ihn betäuben und nach Kabul fliegen. Mehr als vier Monate sperrt man ihn in ein schmutziges Kellerverlies und verhört ihn zu seinen angeblichen Terroristenkontakten.

Nicht nur Top-Agenten beim BND

Zunächst hieß es, deutsche Stellen seien erst nach el Masris Freilassung informiert worden. Doch im Juni 2006 - zwei Jahre nach el Masris Rückkehr nach Deutschland - muss der Bundesnachrichtendienst (BND) die Öffentlichkeit darüber informieren, dass ein Abhörspezialist bereits Anfang Januar 2004 in einer Behördenkantine von der Inhaftierung el Masris erfahren hatte. Zu jener Zeit also, als Khaled el Masri noch im Hotel in Skopje festgehalten wurde.

Der Präsident des Nachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, hat für die Erinnerungslücken seines Mitarbeiters folgende Erklärung: "Der BND besteht nicht nur aus Top-Agenten."

"Intensivere Befragung" in Kabul

Während el Masri in Mazedonien festgehalten wird, findet laut Darstellung der Washington Post im Hauptquartier der CIA eine Diskussion statt, ob man el Masri angesichts der unbefriedigenden Vernehmungsresultate aus Mazedonien zur "intensiveren" Befragung in ein anderes Land fliegen solle. Die Direktorin der CIA Al Kaida Einheit vermutet, dass el Masri ein Terrorist sei und ordnet an, el Masri in ein CIA-Gefängnis nach Afghanistan zu fliegen. Dort bekommt er trübes Wasser zu trinken und verdorbenes Essen.

Privatinteressen müssen zurückstehen

Khaled el Masris Verschleppung ist kein Einzelschicksal. Die Menschenrechtsorganisation American Civil Liberties Union hat daher im Dezember 2005 in el Masris Namen bei einem US-Gericht eine Klage gegen den ehemaligen CIA-Direktor George Tenet eingereicht und will anhand dieses gut dokumentierten Falles die CIA-Praxis der so genannten renditions, der Verschleppung von Terrorverdächtigen ins Ausland, zu Fall bringen.

Im Mai 2006 wird die Klage gegen die CIA abgewiesen. Der Richter glaubt el Masri zwar, aber in diesem Fall müsse "el Masris Privatinteresse hinter dem nationalen Interesse, Staatsgeheimnisse zu bewahren, zurückstehen."

16 Monate Haft - ein Missverständnis

Im Juli 2006 bringt die New York Times einen Bericht über Laid Saidi, einen ebenfalls freigekommenen Mithäftling el Masris. Er wurde im Mai 2003 nach Afghanistan gebracht und dort 16 Monate lang ohne Anklage festgehalten und gefoltert. Nach etlichen Monaten in Haft hatte man ihm ein mitgeschnittenes Telefongespräch vorgespielt. Dabei entpuppte sich der Verdacht gegen ihn als Missverständnis. Man hatte angenommen, er habe mit seinem Schwager über den Kauf von Flugzeugen gesprochen, tatsächlich war von Autoreifen die Rede.

Mehr zu den CIA-Gefängnissen im Ausland in Ö1 Inforadio und in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Hörbilder, Samstag, 9. September 2006, 9:05 Uhr

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