Rückblick auf die Ars Electronica 2006
Die Ars Electronica stand heuer ganz im Zeichen der Sehnsucht nach Einfachheit. Unter dem Titel "Simplicity - The Art Of Complexity" ging man bis 5. September komplexen Technologien aus unserem Alltag nach, um Antworten für einen einfacheren Umgang zu finden.
Wie können wir den steigenden Komplexitätsgrad unserer Lebensrealität bewältigen? Wie können wir die Potenziale technologischer Neuerungen und globaler Kommunikation nützen, ohne uns zu überfordern?
Diese Fragen stellte sich die heurige Ars Electronica - das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, das am 5.September in Linz und in St.Florian in Oberösterreich unter dem Titel "Simplicity - The Art Of Complexity zu Ende ging. Einfache Antworten gab es nicht, aber Anregungen für einen einfacheren Umgang mit Komplexität.

Den Internet-Anschluss abzumelden, den Computer zu entsorgen und in eine einsame Hütte im Wald zu ziehen, ist keine Lösung.
Die rasante Entwicklung neuer Technologien - begleitet von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen - hat zu einem Grad an Komplexität geführt, der viele belastet. Ratgeber und Seminare für ein einfacheres Leben zeugen davon, dass vor allem Menschen in westlichen Industrieländern sich zunehmend überfordert fühlen - in einer Welt, in der selbst scheinbar simple Haushaltsgeräte kompliziert geworden sind.
Den Internet-Anschluss abzumelden, den Computer zu entsorgen und in eine einsame Hütte im Wald zu ziehen, ist trotzdem keine Lösung. Komplexität sei nicht nur eine Last, sondern eine Chance, betont Gerfried Stocker, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Ars Electronica Centers. Es gehe vielmehr darum, zu überlegen, wie Technologien einfacher handhabbar gestaltet werden können und zu fragen, welche Technologien wir haben wollen und brauchen.
Thematisiert wurde, wie Geräte und Computerprogramme gestaltet werden können, sodass die Zugangsbarrieren für den Einzelnen minimiert werden oder welche Eigenschaften Hardware haben muss, um für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und in unterschiedlichen Situationen und Lebenswelten nutzbar sein zu können.
Walter Bender von der Organisation "One Laptop per Child aus den USA stellte zum Beispiel einen Laptop vor, der Kindern in armen Ländern mit einfachster Technik Zugang zu Bildung und Kommunikation ermöglichen soll. Designer und Entwickler diskutierten darüber, wie Technologien in Zukunft gestaltet sein müssen, um komplexe Information und Kommunikation zu ermöglichen, ohne kompliziert zu bedienen zu sein.
Dass komplexe Technologien einfach gestaltet sein und einfache Technologien komplexe Nutzung ermöglichen können, zeigten eine Reihe von künstlerischen Projekten. Für große Begeisterung unter den jungen Festivalbesuchern sorgte zum Beispiel eine Aktion des Graffiti Research Lab aus den USA, das beim Prix Ars Electronica eine Auszeichnung in der Kategorie "Interactive Art erhalten hat:
Aus einer Knopfbatterie, einem kleinen Magneten, einer Leuchtdiode und einem Stück Klebeband wurden während des Festivals so genannte "Throwies gebastelt und Freitag Abend am Hauptplatz auf eine Straßenbahn geworfen, wo sie haften blieben. Die Straßenbahn wurde so zum spielerischen Kunstwerk, das in bunten Farben leuchtend durch die Stadt fuhr.
Den Menschen die Angst vor komplexer Technik nehmen wollten auch die verschiedenen Workshops in der "Electrolobby im Brucknerhaus, die heuer unter dem Titel "Make it simple stand. An einfachen Tischen aus Spannplatten und mit einem herkömmlichen Lötkolben konnten die Teilnehmer elektronische Geräte basteln oder Spielzeugroboter umkonfigurieren.
An anderen Tischen wurde mit einfachen Programmierwerkzeugen Animationen gestaltet oder Software für Objekterkennung geschrieben. "Man lernt am besten, indem man es ausprobiert ist das Credo der Gruppe Arduino, die am Interactive Design Institute Ivrea in Italien entstanden ist.
Einfache Lösungen für komplexe Verhaltensweisen in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft boten die Projekte der "mobile City.
"As if we were alone des deutschen Künstlerduos "Empfangshalle bot in Linz mobile Räume zum Telefonieren an, in denen Passanten einen Schirm, eine Markierung zum Auf- und Abgehen am Boden oder einen Notizblock angeboten bekamen, um das mobile Telefonieren im öffentlichen Raum angenehmer zu gestalten.
Jenny Chowdhury aus den USA entwickelte gar eine mobile Telefonzelle, die im Falle eines Anrufs auf der Straße rasch entfaltet werden kann und ungestörtes Telefonieren ermöglichen soll. Die Lösungen für den Umgang mit einer komplexen Welt können sehr einfach sein, so die augenzwinkernde Botschaft vieler Projekte.
Text: Sonja Bettel · 05.09.2006
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