Kolumne von Andreas Hirsch

Ars simplicitatis

Komplexe Technologien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie möglichst einfach zu gestalten, ist eine große Herausforderung. Der Rolle der Einfachheit - "Simplicity" - widmet sich die diesjährige Ars Electronica. Beginn: 31. August 2006.

Kaum jemand würde heute leugnen, - mehr oder weniger insgeheim -Sehnsucht nach Einfachheit zu haben. Nur wenige würden sich als Afficinados der Komplexität outen und doch führen wir alle unsere Leben viel eher in einem Wirbelsturm aus Beschleunigung und Komplexität, als unsere Tage in der ruhigen Klarheit der Einfachheit zu verbringen. In der Tat ist es vielfach erst der mutige Sprung in die Fülle der Komplexität und Widersprüchlichkeit, der zur Einfachheit führen kann.

Das ist eine Erfahrung, die Designer längst gemacht haben, die um die Komplexität von Design-Anstrengungen wissen, wie sie gerade der Schaffung der scheinbar einfachsten Design-Objekte vorausgehen. Es ist diese verborgene Realität, die in mancher medien-künstlerischen Arbeit stecken mag, hinter deren unmittelbar erfahrbaren Einfachheit und Eleganz ein komplexes Regelwerk von Programmalgorithmen steckt; eine Lehre, die von Forschung und Praxis der Biomimikry, aus der das menschliche Wissen weit übersteigenden Design-Erfahrung der Natur gezogen wird; eine bittere Wahrheit, wenn sich hinter populistischen Faustformeln (!) des Hasses gegen Fremde oder Andersgläubige die unübersichtlichen Verhältnisse zerrissener Gesellschaften voller Ungerechtigkeit und Unterdrückung in einer sich zusehends als global und schicksalhaft vernetzt erlebenden Welt zeigen.

Festival als begehbare Lernumgebung

Was also ist jene Simplicity, die als thematische Wolke über der Ars Electronica 2006 schwebt?

Schon der Titel des Festivals lässt auf eine dialektische Unternehmung schließen: "Simplicity - the art of complexity" spielt mit dem komplexen Verhältnis von Einfachheit und Komplexität. Dabei oszilliert der Begriff wie kaum ein anderer, wird er doch von so vielen Seiten als Credo vereinnahmt, von Maschinenstürmern und Technikverweigerern ebenso auf den Lippen geführt, wie von nutzungsorientierten Designern und den Marketingstrategen der Industrie.

Kann es da überhaupt gelingen, wieder Klarheit in das unscharfe Bild von der Einfachheit zu bringen und einem so trügerisch einfachen und tatsächlich so komplexen Thema gerecht zu werden? Gerfried Stocker und Christine Schöpf verstehen simplicity in diesem Zusammenhang als "komplementären Schlüssel" der Komplexität. Was also muss eine ambulante Unterweisung in der "Ars Simplicitatis" vermögen, um uns diesen Schlüssel tatsächlich in die Hand geben zu können?

Die Kunst, die richtigen Knöpfe zu entfernen

Simplicity, das ist zunächst die jüngste Arbeit des MIT-Design-Gurus John Maeda, der in seinem gleichnamigen Buch in zehn "Gesetzen" und drei "Schlüsseln" die Geheimnisse der Einfachheit zu entmystifizieren versucht. Simplicity im Design ist auch Reduktion, die maßvolle Entfernung von Knöpfen von den Geräten und von Funktionen aus den Bedienungsmenüs.

In einem ganztägigen Symposium am Freitag, dem 1. September 2006, wird der Frage nach der richtigen Reduktion nachgegangen. Dabei kann die Dialektik von Einfachheit und Komplexität bei der Arbeit beobachtet werden, wobei hier eher die richtige Balance zwischen beiden Zuständen denn eine eigentliche dialektische Bewegung gesucht wird.

Eine politische Haltung zur Technologie

Simplicity, das ist auch eine kulturelle und politische Haltung zur Technologie selbst, eine Haltung, die von Autonomie und Offenheit geprägt ist, eine Haltung, die erst dann glaubhaft wird, wenn sie Antworten auf die Wirklichkeiten der "Digitalen Kluft" bietet, die zwischen den Ländern des globalen Südens und Nordens ebenso verläuft, wie quer durch die Gesellschaften auch der reichsten Länder der Erde.

Simplicity hat auf der anderen Seite der "Digitalen Kluft" einen deutlich anderen Klang, dem jede Romantisierung und Verklärung fehlt, wenn das schlichte Vorhandensein von Geräten und elektrischem Strom, wenn schieres Funktionieren die Oberhand über Details der Bedienungskomforts gewinnt. Simplicity ist stets auch eine Frage des Zuganges zu Infrastrukturen, zu Ressourcen, zu Technologie und Wissen schlechthin, und somit zutiefst politisch. In "Commons und Communities" am Montag, dem 4. September 2006, erhält dieser Aspekt von Simplicity unter dem Aspekt "Access" speziellen Raum.

Angewandte Meditation durch Kontextverschiebung

Eine radikale Kontextverschiebung soll dem Nachdenken über Simplicity eine unerwartete Wendung verleihen. Wenn künstlerische Arbeit an den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine und in der Transmission von Kunst und Industrie bisher für die Ars Electronica prägend war und bevorzugt industrielle Kontexte die Hintergrundfolie für manche Inszenierung abgaben, so tritt diesmal das Setting eines Klosters als neues Element hinzu.

Das Augustiner Chorherrenstift St. Florian kann dabei in der machtbewussten Opulenz seiner barocken Anlage durchaus als Antithese der Simplicity gelesen werden. In den spirituellen Dimensionen, die es zu bieten vermag, möchte es jedoch als produktiver und anregender Kontext von künstlerischer und diskursiver Erforschung des Themas in seinen persönlichen und politischen Tiefendimensionen dienen.

Im Inneren der Brucknerorgel und ihrer elektronischen Pendants, in der kontemplativen Stille der Krypta, in der meditativen Konzentration des Zen-Bogenschützen und der geballten Wissenskultur klösterlicher Bibliotheken darf simplicity neu gesucht werden, versammeln sich die Elemente einer möglichen "Ars Simplicitatis" zu einem erlebbaren Zusammenhang und kann sich die Dialektik des Themas zu einer Praxis der individuellen und kollektiven Synthese öffnen.

Die Landpartie nach St. Florian am Samstag, dem 2. September 2006, erscheint als ein erstaunliches und umso schlüssigeres Experiment einer begehbaren Lernumgebung, zumal sie das Thema simplicity selbst in das Herz der Unternehmung rückt. Sie beinhaltet das Wagnis, die vertrauten Elemente Kunst, Technologie und Gesellschaft um eine spirituell-kontemplative Dimension zu ergänzen.

Hier könnte eine wesentliche Chance liegen, den Besucherinnen und Besuchern jenen "komplementären Schlüssel" simplicity wirklich in die Hand zu geben, hier entsteht zumindest Gelegenheit, eine mögliche "Ars Simplicitatis" oder eine neue "art of complexity" samt der beiden innewohnenden Sehnsucht nach Einfachheit in all ihrer Widersprüchlichkeit zu erfahren und zu studieren. Das Festival dauert sechs Tage, dennoch mag auch heute gelten, was der griechische Architekt und Arzt Hippokrates über die Kürze des Lebens angesichts der Komplexität der Kunst sagte: Ars longa, vita brevis.

Andreas Hirsch, Spezialist für die Schöpfung und Entwicklung kultureller Systeme in Wien, ist Curatorial Advisor der Ars Electronica 2006.

Mehr zum Programm der Ars Electronica in oe1.ORF.at und zu allen Ö1 Übertragungen von der Ars Electronica in Ö1 - Der Festspielsender

Veranstaltungs-Tipps
Ars Electronica, Donnerstag, 31. August bis Dienstag, 5. September 2006, 10:00 bis 19:00 Uhr, Linz, mehrere Veranstaltungsorte

Ars Electronica, Forum Digital communities and Net Vision, Montag, 4. September 2006, 10:30 bis 17:00 Uhr, Brucknerhaus, Linz

Ö1 Club-Mitglieder erhalten beim Ars Electronica Festival 30 Prozent Ermäßigung auf den Festivalpass und 50 Prozent Ermäßigung auf den Katalog.

Links
Ars Electronica Center - Festival
electrolyte.net
Brucknerhaus
O.K Centrum für Gegenwartskunst

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