Standort: oe1.ORF.at

Wissen

Heterotopien und utopische Körper

Michel Foucaults Radiovorträge

Der Suhrkamp-Verlag hat zwei Vorträge, die der französische Philosoph Michel Foucault für das Radio konzipiert hat jetzt in einer deutsch- und französischsprachigen Ausgabe vorgelegt, der auch eine CD mit den Tonaufnahmen Foucaults beiliegt.

Michel Foucault im Original (Übersetzung im Anschluss)

Unter den Fingern des Anderen, die über den Körper gleiten, beginnen alle unsichtbaren Teile des Körpers zu existieren. An den Lippen des Anderen werden die eigenen Lippen spürbar. Vor seinen halb geschlossenen Augen erlangt das eigene Gesicht Gewissheit.

Der Körper als Ausgangs- und Durchgangspunkt für die Utopie des Todes und des Lebens nach dem Tode ist das Thema zweier Vorträge, die der französische Philosoph Michel Foucault ganz speziell für das Medium das Radio konzipiert hat.

Radiohören hilft verstehen

Der Philosoph hat zahlreiche Interviews gegeben und an Diskussionen für den Rundfunk teilgenommen. Doch eigens fürs Radio erstellte Beiträge sind rar. Zwei dieser Texte - "essais littéraires" wie es auf Französisch heißt - hat nun der Suhrkamp Verlag auf sehr schöne Weise herausgebracht.

Die Radio-Essays "Die Heterotopien" und "Der utopische Körper" werden sowohl in deutscher Übersetzung als auch im französischen Original wiedergegeben, zugleich liegt dem Buch eine CD bei, auf der Foucault seine beiden Radiobeiträge spricht. Dies hat nicht nur Seltenheitswert, sondern man merkt beim Hören, wie Foucault auf das Medium eingeht, eine Wortwahl trifft, die seine Zuhörer ansprechen soll.

Michel Foucaults umfangreiche philosophisch-soziologische Schriften im Original zu lesen, ist nicht gerade einfach. Dies betrifft nicht nur seinen literarisch geschliffenen Stil, sondern auch den Umstand, dass Foucault, wenn er etwa ein Phänomen aus dem 18. Jahrhundert behandelt, sich auch der Sprache und den Gedankengängen dieser Zeit annähert. Dies alles ist bei den beiden Radio-Essays nicht der Fall. Man kann Foucaults Stimme zuhören und ihr folgen, die Texte dabei im Buch mitlesen - und man kann ohne weiteres verstehen, selbst wenn man kein philosophisch versierter Zeitgenosse ist.

Wovon Michel Foucault in den zwei Essays spricht, geht jeden von uns an: Es sind der menschliche Körper und die Räume, in denen er sich bewegt. Der erste Text ist mit "Die Heterotopien" betitelt. Eine Heterotopie ist für Foucault ein tatsächlich realisierter utopischer Ort. Und derartige Räume lassen sich nach Foucault fast überall finden.

Beispiele für Heterotopien
Das "Irrenhaus" ist ein solch utopischer Wirklichkeitsraum, weil man glaubt, in ihm die mental Kranken heilen zu können oder überhaupt feststellen zu können, wer von uns krank ist und wer nicht. Die großen Bibliotheken sind es, weil sie ausstrahlen, das gesamte Wissen der Welt zu archivieren. Heute wäre das World Wide Web eine noch größere, virtuelle Heterotopie. Es sind aber auch die Bordelle, die Erlebnisparks und vielen Freizeit-Clubs, die dem Menschen zeitlich begrenzte, aber doch gleichsam unendliche Freuden versprechen. Schließlich ist der Friedhof eine derart realisierte Utopie: die Aufbewahrung des Körpers bis in alle Zeiten, bis zu seiner Auferstehung.

Im Mittelpunkt der Mensch
Im Zentrum der Heterotopien, der realisierten utopischen Räume steht der menschliche Körper. Er ist der "Hauptakteur aller Utopien", sagt Michel Foucault in dem zweiten Radio-Essay, der den Titel "Der utopische Körper" trägt. Aber mein Körper ist doch das Realste, das ich besitze!, wird man jetzt ausrufen.

Ja und Nein, meint der Philosoph. Denn wer hat ohne Zuhilfenahme eines Spiegels oder einer Kamera je seine Stirn, seine Ohren, seinen Hinterkopf, seinen gesamten Rücken gesehen? So wie es reale utopische Orte gibt, so sind auch Teile des eigenen Körpers heterotopische Landschaften. Und weil wir Menschen dies wissen oder zumindest erahnen, verlangt es uns nach Utopien. Die größte Utopie ist vielleicht die Liebe. Doch genau hier, so Foucault, schlägt das Pendel um: Die Orte, zu denen wir mit unseren Augen nicht gelangen, werden sichtbar. Allerdings nur, wenn wir bereit sind, unsere einsamen Körperbetrachtungen zu verlassen, und bereit sind, uns einem Anderen zu öffnen.

05.08.2006

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Buch-Tipp
Michel Foucault, "Die Heterotopien. Der utopische Körper", aus dem Französischen von Michael Bischoff, Suhrkamp Verlag, 2005, ISBN 3518584286

Link
Suhrkamp - Die Heterotopien. Der utopische Körper

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick