Kolumne von Konrad Becker

Im Netz der Angst

Angesichts der Risiken technisierter Gesellschaften scheint die Durchdringung des Alltags mit Sicherheitstechnologien keiner Begründung zu bedürfen. Technische Systeme und ihre gesetzgeberischen Begleitmaßnahmen bilden ein Korsett der Kontrolle.

Sicherheitsdiskurs und Technikentwicklung findet "aus Sicherheitsgründen" weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Sicherheit ist ein Ausschlussmechanismus der auf Geheimhaltung abzielt.

Im so genannten Westen wird Überwachung vorwiegend noch als Einbruch in die Privatsphäre und Verletzung der Anonymität wahrgenommen und wesentliche Aspekte sozialer Ausgrenzung vernachlässigt. Diese zunehmend automatisierten Mechanismen um Risikoprofile und soziale Kategorisierung zu Erstellen, sind ein Schlüssel zur Verstärkung sozialer, ökonomischer und kultureller Ungleichheiten.

Die Rhetorik der unbegrenzten Freiheit des Warenverkehrs als Ausdruck der Freiheit des Individuums parallel zu nie da gewesenen Formen der Unfreiheit und digitalen Kontrolle.

Überwachung ist nicht nur eine Sozialtechnologie der Macht zur Normalisierung des Subjekts und Instrument der Steuerung sozialer Kollektive, sondern fördert autoritäre Gesellschaftsstrukturen und führt die Idee des freien öffentlichen Raumes als eines Ortes autonomer Individuen ad absurdum. Strukturelle Disziplinierung in einem Zuchthaus ohne Mauern hebt die Trennung von Gefängnis und Freiraum auf.

Bei "Digitalem Beschränkungsmanagement" oder "Digitalem Rights Management", wie es seine Befürworter fälschlich benennen, geht es um die Etablierung von umfassenden Überwachungstechnologien auf allen digitalen Systemen. Was mit Copyright und anderen so genannten geistigen Eigentumsrechten geschieht ist, dass diese Monopole und Privilegien in ihrer extremsten Form der Versuch sind, eine Vorherrschaft und Kontrolle über Wissen zu etablieren.

Konflikte in einer global vernetzten Welt beziehen sich zunehmend weniger auf traditionelle Wertschöpfung, sondern auf die ungreifbare Welt des geistigen Eigentums (IP) und auf die psychologische Positionierung von Ideen und Informationsflüssen. In dieser Kulturalisierung von Sicherheitsfragen, dem "Information Peacekeeping", beginnt sich die Trennung zwischen militärisch und zivil aufzulösen.

Kontrollgesellschaft ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, einer immer schneller drehenden Aufrüstungsspirale von Sicherheitstechnologien.

Früher wurde Gewaltausübung als Sicherung der bürgerlichen Freiheiten diskutiert, längst zeigt sich, dass unsere Gesellschaften zunehmend vom Sicherheitskomplex selbst dominiert werden.

Angst wird zum dromologischen Business Model für die Medien und Sicherheitswirtschaft, Risikomanagement zu einer Industrie. Wo Risikovermeidung das höchste Ziel ist, wird Dissens zum Sicherheitsproblem und Passivität zum ideal. In einer Welt aus Angst und Katastrophe, wird schieres Überleben der Hauptgewinn.

Konrad Becker ist Autor, Künstler und Organisator leitet das Institut für neue Kulturtechnologien/t0. Zahlreiche Veröffentlichungen und Veranstaltungen im Bereich Kunst, Wissenschaft und elektronische Medien.

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 16. Juli 2006, 22:30 Uhr

Download-Tipp
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