Erzählungen von Dezsö Kosztolányi
Zu Kornél Esti, der Hauptfigur in Dezsö Kosztolányis Roman "Ein Held seiner Zeit" sind dem Schriftsteller so viele Geschichten eingefallen, dass er sie nicht alle im Roman unterbringen konnte. Also erschien noch ein Erzählband.
Von den Neu- und Wiederentdeckungen aus der ungarischen Literatur ist der Autor Dezsö Kosztolányi gewiss der Erstaunlichste. Sein Roman "Ein Held seiner Zeit" kreist in vielen Episoden um seinen Lieblingshelden Kornél Esti, den alles unterminierenden provokanten Bohemien, den radikalen Dichter im Gegensatz zum bürgerlichen Menschen.
Zu diesem Kornél Esti sind Kosztolányi so viele Geschichten eingefallen, dass er sie nicht alle im Roman unterbringen konnte. Also erschien 1936, drei Jahre nach dem Roman, noch ein Erzählband, der jetzt ins Deutsche übersetzt wurde.
Kornél Esti war von Paris unterwegs nach Hause, am Ende seines Studienjahres. Kaum war er in den Drittklasswagen, den "Ungarischen Waggon", eingestiegen und hatte den vertrauten säuerlichen Geruch, das Elend seiner armen Heimat, in die Nase bekommen, meinte er, schon am Ziel zu sein.
Wenn eine Erzählung, noch dazu die allererste, so beginnt, liegt es nahe, dass sich besonders viele Hindernisse auftürmen, bis dieses Ziel erreicht wird. Es beginnt damit, dass Kornél Esti schon viel zu bald genug hat von so viel Heimat. Wie viel faszinierender ist da Zürich. Also folgt er einem spontanen Impuls und steigt aus.
Hungrig wie er ist, verschlägt es ihn in ein Hotel. Dort wird es gleich amüsant, weil das dem Erzähler Gelegenheit gibt, seinen nüchternen Blick schweifen zu lassen, Gesten und Physiognomien zu diagnostizieren, etwa "zwei deutschsprachige Bürgermädchen mit ihrem ergrauten Vater, der nach Schwerindustrie aussah, altes Schweizer Patriziergeschlecht".
Nichts geschieht, doch über Diagnosen dieser Art wird immer klarer, wie fremd Kornél Esti in dieser Umgebung ist. Und nachdem man bereits seitenlang gezittert hat, wie Kornél Esti mit seinen elf Schweizer Franken aus dieser Falle wieder heil herauskommt, lässt uns der Erzähler wissen: "Ehrlich gesagt, es hätte ihm nichts ausgemacht, wenn das Restaurant nicht gar so glanzvoll gewesen wäre." Nun, er kommt wieder heil heraus, aber nicht darum geht es, sondern um die Sprache, die diese Mikrosequenzen beschreibt.
Natürlich werden die größten menschlichen Dummheiten satirisch aufs Korn genommen, und natürlich kommen auch die tristen sozialen Verhältnisse der 1930er Jahre in den Blick. Etwa in der Erzählung von Kálmán Kernel, der wirtschaftlich zu Grunde geht, für vier Wochen verschwindet und betrauert wird, um nach seinem Auftauchen umso heftiger gehasst zu werden, weil sich alle getäuscht fühlen und ihm das keiner verzeihen kann.
Skizzen von wenigen Seiten sind es, absichtslos erzählt und ohne auf etwas hinaus zu wollen. So flüchtig wie das Glück, von dem Esti in einem der Texte sagt, es sei nur ein Übergang, ein Zwischenspiel. Die Figur des Kornél Esti ist es, die diese Intermezzi zusammenhält, die in ihren topografischen Bezügen und zeitgeschichtlichen Hintergründen ganz und gar ungarisch sind und doch ganz und gar weltläufig sind - nicht nur, weil Esti in Paris studiert. Die Verhältnisse zwischen Arzt und Patient oder Kunde und Verkäufer, die hier karikiert werden, sind uns noch geläufig, auch wenn wir der Welt nachtrauern mögen, in der die sozialen Beziehungen noch so überschaubar waren.
Die Erzählungen des Bandes "Die Abenteuer des Kornél Esti" erreichen zwar nicht die geschlossene Stringenz des Romans "Ein Held seiner Zeit", wirken zufälliger zusammengewürfelt, aber wer Kornél Esti durch den Roman gefolgt ist, wird auch diese Kranz von Erzählungen und ihren ironischen Blick auf die Welt mögen.
Text: Cornelius Hell · 26.06.2006
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Buch-Tipp
Dezsö Kosztolányi, "Die Abenteuer des Kornél Esti", aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh, Rowohlt Verlag, ISBN 3871345393