Altern in unsere Gesellschaft
Älteste
Die Gesellschaft wird immer älter. Doch statt die künftige demografische Mehrheit der Alten sinnvoll zu nutzen, werden sie abgeschoben oder wie eine Minderheit behandelt. Aber man kann die künftige Mehrheit nicht länger wie eine Minderheit behandeln.
8. April 2017, 21:58
Bislang hat man die demografischen Verschiebungen, die durch die Verlängerung der Lebenserwartung und abnehmende Geburtenrate entstehen, nur als finanzielle Zeitbombe gesehen. Doch es ist auch sozial eine ungeheure Herausforderung, die auf die Gesellschaft zukommt. Man kann nicht alle alten Menschen in Altersheime oder Pflegestationen abschieben.
Vielleicht werden alte Menschen ja auch abgeschoben, weil das Potenzial, das in dieser Lebensspanne liegt, vergessen wurde. In jenen Kulturen der Welt, die als primitiv bezeichnet werden, haben die Ältesten eine ganz andere Rolle. Man spricht ihnen Kompetenz und Erfahrung zu.
Das Bild des Alters
Was heißt es in unserer Kultur, ein Ältester zu sein?
Da scheint es zunächst geboten, sich mit dem Bild des Alters zu beschäftigen, das in der modernen Welt kultiviert wurde. Ein in vielfacher Hinsicht gespenstisches Bild: Ab 50 gilt man auf dem Arbeitsmarkt als nicht oder kaum mehr vermittelbar. Alte gelten als bedürftige Gruppe, um die man sich kümmern muss. Alter bedeutete schwach sein, passiv, abhängig, unflexibel, geizig, pedantisch und einsam.
All diese Charakteristika stehen in krassem Gegensatz zu Werten, die in der Gesellschaft positiv besetzt sind. Die Folge: ein völlig paradoxes Verhältnis zum letzten Drittel des Lebens. Zwar möchte jeder möglichst alt werden, aber keiner will alt sein.
Eine neue Lebensphase
Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. Die medizinische Forschung erklärt, dass die Menschen zwar alt, aber keineswegs blöd werden. Bis ins hohe Alter bildet das Gehirn neue Neuronen aus, wenn es benutzt wird.
Alte von heute, die Generation 60 plus, steht immer öfter mitten im Leben, treibt Sport, bildet sich fort, engagiert sich sozial. Auch die Altersforschung begreift, dass jene Zeitspanne, die bislang pauschal als letzte Lebensphase verstanden wurde, heute oft länger ist, als die Zeit der Jugend und des Erwachsenseins zusammen.
Die Alten von morgen
In den Jahrzehnten des "jungen" und des "mittleren Alters" entstehen, abgefedert durch eine hohe soziale Sicherheit und gute Gesundheitsversorgung, ganz neue Möglichkeiten einer persönlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Engagements. Das Alter, ohne auf bewährte Modelle zurückgreifen zu können, kann völlig neu erfunden werden.
Und muss neu erfunden werden. Denn die Alten von heute sind die Pioniere für jene heute 40- bis 50-Jährigen, die in 20 Jahren als Alte von morgen die Mehrheit der Gesellschaft stellen werden. Kein Wunder, dass sich überall Menschen im reifen Alter aufmachen, den fast schon verlorenen Begriff des Ältesten neu zu hinterfragen.
Dazu muss zunächst das Alter für sich als ein völlig eigener, für sich stehender Lebensabschnitt anerkannt werden, mit eigenen Wachstumsaufgaben und Wirkungsmöglichkeiten.
Aus dieser Akzeptanz des Alterns ergibt sich eine neue Qualität der Freiheit, die zum Beispiel im Reiz der unbekannten neuen Lebensphase liegt, der man sich hingibt, ohne zu wissen, wohin sie führt.
Alter als Chance
Micheline Rampe, die Autorin des Buches "Alter als Herausforderung", hat sieben mögliche Rollen für einen zeitgenössischen Ältesten entwickelt, die alle Eigenschaften beschreiben, die uns in der Leistungsgesellschaft meist fehlen: der Visionär, der Netzwerker, der Querdenker, der Mentor, der Künstler, der Unterstützer und der verbindende Kommunikator.
Deshalb liegt im vielfach beschworenen Gespenst der alternden Gesellschaft auch eine Chance: Wird die verlängerte Lebenszeit als Entwicklungsaufgabe begriffen und für persönliche Reifung genutzt, dann könnte in zwei Jahrzehnten mit vielen Ältesten und gereiften Werten gerechnet werden. Damit es so weit kommen kann, sollten sich die Alten heute bereits auf den Weg machen.
Hör-Tipp
Dimensionen, Mittwoch, 28. Juni 2006, 19:05 Uhr
Download-Tipp
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Buch-Tipps
James Hillmann, "Vom Sinn des langen Lebens. Wir werden, was wir sind", Kösel-Verlag, ISBN 3423341017
Micheline Rampe, "Jeder will es werden, keiner will es sein. Alter als Herausforderung", A1-Verlag, ISBN 3927743879
Theodore Roszack, "Longevity Revolution. As Boomers become Elders", Berkeley Hill Books, ISBN 1893163504
Herrad Schenk, "Der Altersangst-Komplex. Auf dem Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein", C.H. Beck, ISBN 3406535224
Frank Schirrmacher, "Das Methusalem-Komplott", Karl Blessing Verlag, ISBN 3453600096
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Volker Schumpelick und Bernhard Vogel (Hrsg.), "Alter als Last und Chance", Herder-Verlag, ISBN 3451259524
Claudius Seidl, "Schöne junge Welt. Warum wir nicht mehr älter werden", Goldmann-Verlag, ISBN 3442310741
