Fußballmusik - Teil 2

Böse Menschen haben viele Lieder

Wer lauter schreit, gewinnt. Was schon das alliierte Entsatzheer im 17. Jahrhundert, das Wien von den Türken befreite, wusste, gilt auch für Fußballfans. Kluge Besiegte lernen als erstes vom Gegner die Militärmusik, den Kriegsgesang.

Verlängerung
Vierundvierzig Beine schwellen,
von der Bank die Schweine bellen,
schneller, schneller, immer weiter,
Tritte, Blut, Gewimmer, Eiter,
bis dann auch die Krieger siechen,
die vom Platz als Sieger kriechen ...
(Quelle: W. Heidschuh auf ichraffs.net)


Fußballhymnen sind die Kriegslieder unserer Zeit, der Gegner soll untergehen, die Fans gehen notfalls mit ihm. So ist das mit dem Zueinanderhalten.

Wir steigen auf, wir steigen ab, und zwischendurch UEFA Cup.

Wenn der Gegner auch nicht erschlagen wird, beschimpft wird er allemal. Weggeblasen, blöd geheißen, hässlich und unfähig, seine Wunden wurden schon bei den Gladiatorenkämpfen triumphierend besungen: "Er hats, das hat er." Seneca berichtet: "Töte, peitsche, brenne! Warum fällt der denn so ängstlich ins Schwert? Warum tötet er nicht mutig genug? Warum stirbt er so widerwillig? Mit Schlägen soll er zu den Wunden getrieben werden, unterdessen sollen Menschen abgestochen werde, damit nicht nichts passiert."

Wer spielt den Gegner an die Wand?
Wer hat den Sieg schon in der Hand
Wer hat die besten Fans im Land?


Auf Grund der vielen gehässigen Lieder aus dem reichen Schatz der Fußballgesänge kommen die Fußballgesang-Forscher Kopiez und Brink zum Schluss: Böse Menschen haben viele Lieder. Die Fans im Stadion oder am Platz wollen keinen Dampf ablassen, sondern vielmehr ihre Aggression ritualisieren, die Stimmung anheizen, die Gegnerschaft verstärken.

Impotent ist jeder, ist jeder außer wir,
Ein Gegentor kriegt jeder, kriegt jeder außer wir.


Wer den Sieg erringen will, muss die Schwächen des Gegners besingen, wer lauter singt, beeinflusst das Spiel. Heimspiele haben Gesangsvorteil: Die Fans im Gastgeber Stadion sind die stärkeren, sie singen mehr und sie beeinflussen auch die Entscheidung der Schiedsrichter.

Die Musikwissenschaft kann mit ihrer Annäherung nachweisen, dass Singen und Gewinnen in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis stehen.

So eignet Fußball sich besonders gut zum Singen, beim Eishockey singt man auch, bei Volleyball trommelt man und singt ebenfalls, beim Tennis wird allenfalls rhythmisch geklatscht, beim Schifahren gepfiffen, Schwimmen, Fechten, Radfahren und Autorennen bleiben stumm.

Auch wenn die Fangesangforschung noch in den musikwissenschaftlichen Kinderschuhen steckt, lässt sich sagen: Die Fans feuern lieber Mannschaften an als einzelne Sportler - seien es Wagenlenker oder Trabrennläufer, die Spannungsverläufe müssen Zeit lassen für Entwicklungen. Der Ablauf eines Fußballspieles ist dafür ideal: Fußball gibt einige Höhepunkte und genügend Zeit zum Entspannen, beim Handball fallen dagegen zu viele Tore.

Fußball macht die Fans zu Sängern und Dichtern, Liedtexte auf Websites, in Büchern und auf losen Blättern vereinen; die Schüttelreim - Website von W. Heidschuch namens ichraffs.net fügt Fußball News in hübsche Reime:

Der Optimist
Der Spieler fühlt sich leer und schwächelt,
doch Klinsi nimmt's nicht schwer und lächelt.
Nichts wirkt vor seinen Linsen grau -
er sagt's dem Team, sie grinsen lau ...


Heute wird gesungen bei Portugal gegen Mexiko in Gelsenkirchen, bei Iran gegen Angola in Leipzig, in Frankfurt für die Niederlande oder Argentinien und in München. Es wird friedlicher als in der Antike zugehen. Denn auch Zuschauerausschreitungen sind keine Erfindung unserer Zeit, sie begannen in der römischen Antike.

Wir lesen bei Tacitus nach - glücklicherweise übersetzt. "Bei einem Gladiatorenschauspiel griffen aus städtischem Mutwillen die Siedler aus Nuceria die Pompeianer an, erst mit Schmähungen, danach nahmen sie Steine auf, schließlich Eisen, wobei das Volk der Pompeianer, bei denen das Schauspiel gegeben war, stärker war. Der Senat und die Konsuln entschieden, den Pompeijanern auf zehn Jahre hinauf die Gladiatorenspiele zu verbieten und die, die den Aufruhr ausgelöst hatten, mit Verbannung zu bestrafen." Aber - wie Tacitus auch schreibt - Sport war nur ein Vorwand, die ungeliebten Männer loszuwerden.

Mehr zu den teilnehmenden Nationen in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Sendungen mit Fußball-Bezug finden Sie, wenn Sie in der Programmsuche das Stichwort "Fußball" eingeben. Eine Liste der Sendungen der nächsten 30 Tage erhalten Sie in Ö1 Programm.

Buch-Tipp
Reinhard Kopiez und Guido Brink, "Fußball-Fangesänge. Eine FANomenologie", inklusive CD. Königshausen und Neumann, ISBN 3826014952

Links
ichraffs.net
Deutschland 2006
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