Das Vermächtnis Simon Wiesenthals

Simon Wiesenthals bisher verschlossenes Archiv ist von enormer Bedeutung. Gelingt es, seinem Vermächtnis entsprechend in Wien ein Forschungs- und Bildungszentrum zur Shoah aufzubauen? Die Verhandlungen darüber sind ins Stocken geraten.

Enge Mitarbeiter Wiesenthals zu seiner Arbeit

Rund um den herausragenden Nachlass von Simon Wiesenthal soll das VWI - das "Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studies" - entstehen. Bereits im Jahr 2002 von sieben Institutionen gegründet, hängt es jedoch weiter in der Luft. Die Verhandlungen mit dem Bund über die Finanzierung sind ins Stocken geraten.

Einzigartige Zeugnisse

Als Simon Wiesenthal am 20. September vergangenen Jahres verstarb, hinterließ er eine einzigartige Sammlung von Dokumenten - Zeugnisse für seine Jahrzehnte lange Suche nach NS-Tätern, seinen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus und nicht zuletzt für sein schwieriges Leben in Österreich.

Außerhalb Österreichs war Wiesenthal bereits in den 1970er Jahren zu einer Symbolfigur für Gerechtigkeit und Menschenrechte geworden - begründet in der Erfahrung des Holocaust. In Österreich ist sein unermüdliches Bemühen, NS-Täter vor Gericht zu bringen, weitgehend an der Justiz gescheitert. Viele Österreicher begannen Simon Wiesenthal erst zu schätzen, als er überzogene Vorwürfe des Jüdischen Weltkongresses gegen Kurt Waldheim zurückwies.

Wiesenthals Vermächtnis

An der mangelnden Strafverfolgung für NS-Täter änderte sich freilich nichts. "In den 1990er Jahren war es ein Glück für ehemalige SS-Wachleute, wenn sie aus den USA nach Österreich und nicht nach Deutschland abgeschoben wurden. In Deutschland bekamen sie ein Gerichtsverfahren, in Österreich blieben sie unbehelligt,“ sagte der Historiker Bertrand Perz bei der internationalen Konferenz des VWI über das Vermächtnis von Simon Wiesenthal.

Im hohen Alter wurde Simon Wiesenthal schließlich mit Ehrungen überhäuft, es kostete nichts mehr. Doch kurz vor seinem Tod hat er ein Vermächtnis verfasst. Er forderte die Republik und die Stadt Wien auf, rund um seinen Nachlass und das historische Archiv der Israelitischen Kultusgemeine ein Internationales Forschungs- und Bildungszentrum zur Shoah, zu Antisemitismus und Rassismus zu ermöglichen.

Umsetzung ins Stocken geraten

Sieben Trägerorganisationen, unter ihnen das Institut für Zeitgeschichte an der Uni Wien, das Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes, das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften oder die IKG - die Israelitische Kultusgemeinde - arbeiten bereits seit dem Jahr 2002 an der Umsetzung dieses Vermächtnisses. Ein ausgereiftes Konzept liegt vor. Die IKG stellt unentgeltlich ein Haus zur Verfügung. Führende Historiker wie Omer Bartov, Dan Diner, Micha Brumlik sitzen im Beirat des Instituts. Doch der Bund zeigt sich zurückhaltend.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel kann sich u. a. auch vorstellen, den Nachlass Simon Wiesenthals im Staatsarchiv oder in der Nationalbibliothek unterzubringen. Ingo Zechner, von der Anlaufstelle der IKG meint zum Stand der Verhandlungen: "Außer Streit steht, dass der Nachlass in Wien bleiben soll. Ob er darüber hinaus zum symbolischen und inhaltlichen Mittelpunkt eines Forschungszentrums werden soll, das sich auf internationalem Niveau mit Fragen der Holocaust-Forschung und Vermittlungsprogrammen an die breite Öffentlichkeit richten soll, darüber gehen die Meinungen noch auseinander“.

Glücksfall für Forschung und Bildungsarbeit

Der Gründer der Holocaustforschung, Raul Hilberg, war Ehrengast der Tagung des VWI. Erstmals hatte er Gelegenheit, das historische Archiv der IKG, das ebenfalls Teil des VWI werden soll, zu besichtigen. Die umfangreichen Bestände wurden ja erst in den letzten Jahren entdeckt:

"Es ist ein äußerst wichtiger Fund. Wien besitzt mehr solcher Unterlagen als jede andere Stadt im deutschsprachigen Raum“. Die Zusammenführung beider Archivbestände - die Sammlung Wiesenthals über die NS-Täter und das IKG-Archiv zu den Opfern - unter dem Dach eines Institutes wäre ein Glücksfall für Forschung und Bildungsarbeit zur Shoah: "Die Zukunft eines solchen Institutes ist zum Erfolg bestimmt,“ meint Hilberg. "Es ist nur eine Frage, genug Geld zu haben, und das kommt vielleicht".

Hör-Tipp
Journal-Panorama, Mittwoch, 14. Juni 2006, 18:25 Uhr

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Links
restitution.at - Anlaufstelle des Simon-Wiesenthal-Archivs
Wikipedia - Simon Wisenthal