Schneller als das Auge

Ray Bradbury ist mit seinem Debütroman "Fahrenheit 451", sowie mit Science-Fiction- und Kriminalromanen bekannt geworden. Unter dem Titel "Schneller als das Auge" sind nun Kurzgeschichten aus den 1990er Jahren erstmals auf Deutsch erschienen.

Er gilt als "Louis Armstrong der Science-Fiction", wurde bereits mit seinem ersten Roman "Fahrenheit 451" schlagartig berühmt und ist nach wie vor im Alter von bald 86 Jahren als vielseitiger Autor tätig. Die Rede ist vom amerikanischen Schriftsteller Ray Bradbury. Es ist wohl sein großes literarisches Spektrum, das ihn so außergewöhnlich macht. Ab den 1950er Jahren schrieb er vor allem Science-Fiction-Romane, aber auch Krimis, Kinderbücher, Gedichte und sogar Drehbücher, etwa jenes zur "Moby Dick"-Verfilmung von John Huston. Unter dem Titel "Schneller als das Auge" sind nun Kurzgeschichten aus den 1990er Jahren erstmals auf Deutsch erschienen.

Zaubertricks mit Double

"Na, so was", sagte ich leichthin. "Ich glaube, da steht ein Mann, der mir irgendwie ähnlich sieht."
"Ach ja?" sagte meine Frau.
Ich reichte ihr lässig das Glas. "Ganz rechts."
"Er sieht dir nicht
ähnlich", sagte meine Frau. "Das bist du!"

Ein älteres Ehepaar im Publikum einer sommerlichen Zaubervorführung. Auf der Bühne: Miss Quick, die schnellste Taschendiebin der Welt und ein paar Freiwillige, die zur Veranschaulichung ihrer genialen Tricks heraufgebeten wurden. Mit herbem Charme und ein paar Klapsen lässt die gestrenge Lady im Tweedkostüm ihre kleine, tumbe Herde antreten und reiht sie auf in militärischer Formation. Sie schnippt mit ihren schmucklosen Fingern, ersucht die Herren, sich wieder auf ihre Plätze zu begeben und zieht während deren Abgang vor johlender Menge eine Brieftasche nach der anderen aus ihrer Jackentasche. Doch die wahre Sensation spielt sich auf der rechten Seite der Bühne ab: Bürstenschnitt, Hornbrille, rosiger Teint, blaue Augen. Der Ich-Erzähler im Publikum sieht sich dort selbst.

Sollte ich meinen Augen trauen, misstrauen, Stolz empfinden oder vor Schreck das Weite suchen? Denn hier wurde ich Augenzeuge der Vergesslichkeit Gottes.
"Ich glaube nicht", sagte Gott, "dass ich so einen schon einmal erschaffen habe."
Und ich dachte, verzaubert, erschrocken, entzückt: Gott irrt.

Höhepunkt der Erniedrigung

Es kommt noch viel schlimmer. Das alter Ego wird von Miss Quick nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Armbanduhr weg, Geldbörse weg, Krawatte weg und bald steht in seinen Augen nur noch "starre, irre Not." Zu Geigentönen und Walkürentrompeten erfolgt der Höhepunkt der Erniedrigung: Die resolute Magierin packt das blütenweiße Hemd des armen Mannes und reißt es ihm vom Leib. Als es zu Boden segelt, rutscht auch noch die Hose runter.

Benutz das bisschen Verstand, das Gott selbst den Pferden gegeben hat! rief ich im Stillen. Bist du blind? Sieh doch, was sie mit dir anstellt! Lass dich fallen! Stürz dich in den Orchestergraben! Kriech auf allen vieren davon! dachte ich.

Zwischen Realität und Phantasie

Menschen in peinlicher Not, in höchster Gefahr oder ganz einfach in einer unrealistisch absurden Lage. Davon erzählen Bradburys 21 phantastische Kurzgeschichten, die zumeist von ganz banalen Lebenssituationen ausgehend zu einem schrägen Wendepunkt und in eine geheimnisvolle Welt zwischen Realität und Phantasie führen: Ein Mädchen, das vor ihrem ersten Kuss davonläuft und aus einem finsteren Wald völlig verwandelt wiederkehrt; ein greises Ehepaar, das dem Spätherbst des Lebens durch gegenseitige Mordversuche noch ein wenig Spannung verleiht; eine Frau, die von nächtlichem Lärm aufgerüttelt in der Nähe ihres Hauses die Geister von Dick und Doof beobachtet, wie sie gerade ein Klavier einen Hügel hinauf schleppen; ein einsamer Soldat, der in einer Bibliothek auf wundersame Weise den Romanhelden seiner Jugend begegnet, oder das Kind Sascha, das sich schon vor der Geburt aus dem Bauch heraus meldet.

"Was hat es mit Halloween auf sich?" fragt er irgendwann im sechsten Monat.
"Halloween?" wunderten sie sich.
"Ist das nicht ein Totenfest?" murmelte Sascha.
"Nun ja..."
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich an so einem Abend auf die Welt kommen möchte."


Verrückte Storys - komisch, ironisch, romantisch, gespenstisch, rabenschwarz. Auch im hohen Alter weiß Ray Bradbury mit seinem Erzählstil zu verzaubern und zu erheitern. Ein neuerlicher Beweis seiner Ausnahmestellung als phantastischer Geschichtenerzähler.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Kulturjournal, Freitag, 9. Juni 2006, 16:30 Uhr

Ex libris, Sonntag, 11. Juni 2006, 18:15 Uhr

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Buch-Tipp
Ray Bradbury, "Schneller als das Auge", aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans-Christian Oeser, Diogenes Verlag, ISBN 3257065140