Kolumne von Konrad Becker
Das digitale Proletariat
Während die Reichen reicher werden und die Armen ärmer, können die globalen Eliten die Armen jetzt mittels neuer Technologien besser und billiger kontrollieren. In einer Welt geschönter Arbeitslosenquoten ist sogar die Arbeit ungleich verteilt.
8. April 2017, 21:58
Die neue Arbeitswelt? Nach wie vor gilt, dass durch eigene Arbeit niemand reich wird und wer das nicht glaubt, soll bei der Bank für Arbeit und Wirtschaft Ag nachfragen. Aber während die Reichen reicher werden und die Armen ärmer, können die globalen Eliten die Armen jetzt mittels neuer Technologien besser und billiger kontrollieren.
Es stimmt schon, neue Produktionsprozesse lösen klassische Modelle der Organisation von Arbeit über die Grenzen des Nationalstaats hinaus ab. Aber in einer Welt geschönter Arbeitslosenquoten, wo immer weniger Leute immer mehr arbeiten, ist sogar die Arbeit noch ungleich verteilt.
Unter dem Titel "working_world.net" eröffnete am 06.06.06 die neue Ausstellung des kürzlich umgestalteten Museum Arbeitswelt in Steyr. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Zukunft von Arbeit in einer globalisierten Welt.
Vorbei sind jedenfalls die Zeiten als uns die Werbung das Bild von der Arbeit am Palmenstrand verkaufen wollte. Mit Notebook, Organizer und Global Roaming überall erreichbar zu sein ist mittlerweile zum Albtraum der immateriellen Arbeiterklasse geworden.
Immaterielle Arbeit, ursprünglich in den Bereichen der audiovisuellen Industrien und künstlerischen Betätigung verortet, umfasst inzwischen weite Bereiche der postindustriellen Wirtschaftsleistung. Aber hinter der Maske der neuen "Selbstständigen" versteckt sich das digitale Proletariat der Informationsgesellschaft, dem es weitgehend unmöglich gemacht wird, zwischen Freizeit und Lohnarbeit zu unterscheiden.
In einem Status ständiger Erreichbarkeit und Verfügbarkeit verschmelzen Leben und Arbeit zu einer permanenten Vermarktung der persönlichen Arbeitskraft.
Immaterielle Arbeit ist charakterisiert von einem Fluss wechselnder Zusammenarbeiten in Netzwerken. Aber nicht nur die Mobilität und Flexibilität, sondern vor allem auch Prekarität, Hierarchien, Ausbeutung und internalisierte Selbstdisziplinierung sind Kennzeichen dieser neuen Arbeitsformen.
Ausstellungen, wie die des Museums in Steyr können einen Beitrag dazu leisten sich diesen gesellschaftlichen Veränderungen zu stellen und das Bewusstsein für diese Entwicklungen zu schärfen. Das Museum bietet mit einer Vielzahl von Exponaten, illustriert von künstlerischen Beiträgen, einen Überblick über eine sich verändernde Arbeitswelt.
Der Autor und "World-Information.Org" haben zum wissenschaftlichen Teil dieser Schau eine Installation beigesteuert, die sich insbesondere mit Informationstechnologien und den Strukturen der Infosphäre auseinandersetzen. Der Beitrag versucht die realen Auswirkungen immaterieller Informationsstrukturen zu thematisieren.
In dort gezeigten Videos kommen prominente Exponenten der Zivilgesellschaft wie Arundhaty Roy, Franco Berardi Bifo, Saskia Sassen, Eben Moglen oder Chantal Mouffe, mit kritischen Stellungnahmen zu Wort. Der nepalesische Autor Kunda Dixit fasst zusammen: "Globalisierung und Informationstechnologie sind wie ein Tiger - entweder du reitest ihn oder er frisst dich auf!"
Konrad Becker ist Autor, Künstler und Organisator leitet das Institut für neue Kulturtechnologien/t0. Zahlreiche Veröffentlichungen und Veranstaltungen im Bereich Kunst, Wissenschaft und elektronische Medien.
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 12. Juni 2066, 22:30 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.
Links
working_world.net
World Information
Institute for New Culture Technologies
