Tausendsassa Peter Wehle
Leben mit Klavierbegleitung
Peter Wehle, Kabarettist, Schriftsteller, polyglotter Sprachwissenschaftler, Musiker, intellektuelles Faktotum völlig eigener Art, "Der lachende Zweite", wie er seine Autobiografie nannte, wäre jetzt, im Mai, 92 Jahre alt geworden.
8. April 2017, 21:58
Kleine weiße Taube,
flieg zu deiner Möve,
sag' ihr, mein Kanari bleibt ihr treu...
O ja, er wusste, was ein Schmachtfetzen ist - er wusste das so gut, dass er derlei beschränkte Kassenschlager subtil parodieren konnte. Und die, die er selber auf den Markt brachte, waren, zu seiner Ehre sei's gesagt, nicht ganz so blöd.
Neugierig und wissenshungrig
DDr. Peter Wehle, Kabarettist, Schriftsteller, polyglotter Sprachwissenschaftler, Musiker, intellektuelles Faktotum völlig eigener Art, "Der lachende Zweite", wie er seine Autobiografie nannte, wäre jetzt, im Mai, 92 Jahre alt geworden und vermutlich immer noch neugierig, lernbegierig und bildungshungrig, wie er das sein Leben lang war.
Der kleine Wehle, 1914 geboren, Sprössling des Rechtsanwaltes (und Kapellmeisters!) Jean Wehle, begann Klavier zu spielen, als der Weltkrieg und die Monarchie vorbei waren, ging ins humanistische Gymnasium, um die nötige Bildungsunterlage für die folgenden Mühen des Jus-Studiums zu haben, studierte zwischendurch Musik (Komposition bei Egon Wellesz), machte die Kapellmeisterprüfung noch vor dem Jus-Doktorat und wurde, bevor er sich noch ärgern hätte können, die Kanzlei seines Vaters wider Willen doch übernommen zu haben, Soldat im immerhin Zweiten Weltkrieg seines erst 25-jährigen Lebens.
Die Kleinen Vier
Er überlebte mit viel, aber doch deutlich weniger Glück als Verstand, schlug sich mit Klavierspiel, Unterhaltungskunst und vor allem (ihn selbst zuweilen frappierender) Fremdsprachenkenntnisse durch sämtliche Lebensgefahren und stand dann da mit zwei Kostbarkeiten in jenen Tagen: einem reinen Gewissen und einem Klavier.
Daraus ließ sich mit Talent, Phantasie und Unternehmungslust (alles drei hatte Peter Wehle in großer Menge) schon etwas basteln - zum Beispiel ein Kabarett-Ensemble namens "Die Kleinen Vier", vorausgesetzt, man hatte auch noch so zugkräftige Partner wie Hilde Berndt, den hochbegabten Organisator und Produzenten Fred Kraus (damals schon Vater des bis heute gesangsfreudigen gleichnamigen Peter) und den aus Wien-Erdberg stammenden, in Bayern Spital und Conference praktizierenden Bezirksarzt Dr. Gunther Placheta bei der Hand, der sich, bevor er noch nach Wien ging, um seine Neurologen-Ausbildung fertig zu machen, Gunther Philipp nannte und viele Jahre lang Wehles Partner im Blödeln blieb.
Freund Gerhard Bronner
Ein zweiter Freund und Partner fürs Leben wurde, Mitte der 50er Jahre in Wien, nach ausgiebigen Deutschland- und Schweiz-Tourneen der Kleinen Vier, Gerhard Bronner, der der nationalsozialistischen Herrschaft mit knapper Not entkommen und 1948 mit berechtigter Vorsicht nach Wien zurückgekommen war.
Und so entstanden nacheinander die bald beinahe - aber nur: beinahe! - symbiotische Zusammenarbeit mit Bronner, entstand das Ensemble des Neuen Theaters am Kärntnertor, entstanden die heute klassischen Kabarettprogramme - zu denen Wehle ein paar der klassischsten Klassiker beisteuerte, entstanden, so über den Daumen gepeilt, weit mehr als tausend Chansons, entstanden Bühnenmusiken, Lustspiele, entstanden Fernsehkabaretts wie das "Zeitventil", entstand, Mitte der 70er Jahre, der heute noch allsonntäglich frisch gebackene "Radio-Guglhupf".
Zeit zum Studieren
Infolgedessen fand Peter Wehle ein bissel Zeit, Philosophen zu lesen, sein Altgriechisch zu pflegen, beim Billardspielen angesichts und angehörs eines ungarischen Partners zu beschließen, jetzt endlich doch auch Ungarisch zu lernen (und das zu tun), harmlose Schlager zu schreiben und dabei, nebstbei, vorzuführen, was anständiges Quotendenken ist: Der "Häuptling der Indianer" (als erfolgreichster Hit aus Wehle'scher Feder) hat ihm sogar eine Goldene Schallplatte eingebracht und macht seinen Erben heute noch Freude, hat ihn aber keineswegs daran gehindert, gleichzeitig große Mengen an guten, niveauvollen und gescheiten Sachen zu produzieren.
Und natürlich auch nicht daran, im reifen Alter noch einmal an der Universität zu inskribieren, ein Germanistikstudium zu absolvieren und mit seiner Dissertation über die Gaunersprache eine zweite Karriere als Schriftsteller zu starten - mit 62. Und zwar auf so heiklen Gebieten wie der etymologisch fundierten Pointologie oder der Geplauderten Ortsnamenkunde.
Die Unvernunft in Grund und Boden lächeln
Den Philosophen unter den Kabarettisten hat überhaupt nie etwas daran gehindert, geistvoller Blödler und Unterhaltungsmusiker, schusseliger Stichwortgeber und souveräner Kabarettdenker, Pointenkünstler und - man höre und staune! - niveauvoller Wienerliederschreiber gleichzeitig zu sein. Oder der unendlich liebenswürdige, eher klein gewachsene Herr mit den sorgfältig gekämmten grauen Haaren und dem Zigarettenspitz, der so barmherzig und augenfunkelnd jegliche Unvernunft in Grund und Boden zu lächeln wusste. Oder zu komponieren. Oder zu singen. Oder Klavier zu spielen. Wenn er nicht gerade sehr sorgfältig beim Billardspielen war oder beim Vokabellernen oder beim Studium seines geliebten Aristoteles oder halber Bibliotheken für sein nächstes Buch - oder der Frage, ob sein Kanari ihr wohl treu bleiben würde, der Möve von der kleinen weißen Taube.
Hör-Tipp
Literatur am Feiertag, Donnerstag, 25. Mai 2006, 14:05 Uhr
Download-Tipp
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