Welche Nachricht für welches Medium?
Immer mehr Zeitungen richten sich darauf ein, künftig als Multimedia-Produzenten aufzutreten. Sie werden Plattform und Umschlagplatz für Nachrichten - ob gedruckt, online publiziert oder gesendet ist dabei für die Zeitungsmacher zweitrangig.
Als den Journalisten der "Washington Post" kürzlich von ihren Chefredakteuren mitgeteilt wurde, dass die renommierte Zeitung in Hinkunft "plattform-agnostisch" werden müsse, da ahnten sie schon Schlimmes. Zu Recht, denn hinter dem Begriff "plattform-agnostisch" verbirgt sich die Absicht der Herausgeber, nicht mehr nur Zeitung sein, sondern primär Plattform und Umschlagplatz für Nachrichten zu werden - ob die gedruckt, online publiziert oder gesendet werden, ist dabei für die Zeitungsmacher zweitrangig.
Für die Print-Journalisten bedeutet das, dass sie ihre Artikel nicht mehr nur einfach schreiben, sondern dass sie immer mehr multimedial tätig sein müssen - sie werden von ihren Vorgesetzten dazu angehalten, zusätzlich zu ihrer angestammten Tätigkeit auch auf der Website der Zeitung aktuelle Blog-Einträge und Podcasts zu veröffentlichen. Und zwar ohne dabei mehr zu verdienen - was zu einem kleinen Aufstand der "WaPo"-Journalisten führte.

Zeitungen werden zu Plattformen und Umschlagplätzen für Nachrichten.
Die "Washington Post" ist kein Einzelfall, auch viele andere Zeitungen richten sich darauf ein, künftig als Multimedia-Produzenten aufzutreten. Beim "Daily Telegraph" in London etwa sind viele Redakteure seit Anfang des Jahres auf Anweisung der Blattmacher ebenfalls bloggend tätig.
Anders als bei der "Washington Post" gab es bei den Journalisten des "Daily Telegraph" allerdings keinen Aufstand und kaum Protest dagegen. Das hatte vor allem auch mit der konkreten Situation der Zeitung zu tun, die vor zwei Jahren einen neuen Eigentümer bekam, was eine Entlassungswelle zur Folge hatte. Die danach verbliebenen Journalisten waren froh, ihre Jobs behalten zu haben und deshalb nicht in der Stimmung, gegen die Mehrbelastung ohne Mehrbezahlung Widerstand zu leisten.
Doch obwohl sie von der Chefredaktion dazu angehalten werden, nach Möglichkeit jeden Tag Einträge auf ihren Blogs zu veröffentlichen, haben die meisten "Telegraph"-Redakteure mittlerweile das Bloggen schätzen gelernt, wie Kate Connolly, Deutschland- und Mitteleuropa-Korrespondentin der Zeitung, zu berichten weiß:
"Wir kämpfen immer um mehr nach Platz in der Zeitung und es ist sehr frustrierend, wenn manchmal - und das kennt jeder Journalist - knapp vor Redaktionsschluss noch eine große Werbung reinkommt und dann plötzlich deine Geschichte keinen Platz mehr in der Zeitung hat. Wir haben da das Bloggen als eine Möglichkeit gesehen, unsere Tätigkeiten zu erweitern und eine Plattform für die Artikel zu haben, die es nicht in die Zeitung schaffen."
Aus den Erfahrungen und Problemen mit der Integration von Online und Print bei anderen Zeitungen hat man bei "Österreich", dem im September startenden neuen Tageszeitungsprojekt von Wolfgang Fellner, gelernt - und gleich von Anfang an entsprechend geplant.
So muss dort, nach Auskunft von Christian Nusser, Chefredakteur für digitale Medien, jeder Printredakteur einen "bi-medialen" Vertrag unterschreiben, der ihn oder sie auch dazu verpflichtet, für den Internet-Auftritt und mobile Medien zu arbeiten oder bei Bedarf Photos oder Videoaufnahmen mit digitalen Kameras zu machen.
Dass man bei "Österreich" nicht mehr zwischen dem Online- und dem Printbereich trennt, zeigt sich auch an den Redaktionsräumen, die zu einem großen "Newsroom" zusammengelegt werden und in dem das Internet ein gleichberechtigtes Ressort wie Politik, Wirtschaft oder Chronik sein wird.
Herzstück des Newsrooms wird eine Art Kommandobrücke mit dem Namen "Mission Control" sein, von der aus laufend entschieden werden wird, welche Geschichte wie schnell und in welchen medialen Formen - sei es Internet, SMS-Newsletter oder Print - aufgearbeitet wird. Aber auch die einzelnen Redakteure sind gefordert, bei allem, was sie tun, multimedial zu denken und sich den jeweiligen Plattformen angepasste Formen der Aufbereitung von Geschichten zu überlegen.
Text: Richard Brem · 21.05.2006
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 21. Mai 2006, 22:30 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.
Links
Washington City Paper - Blog-Aufstand bei der "Washington Post"
Kate Connollys Blog
Tasgeszeitungsprojekt "Österreich"