Rude Boy mit Ninja-Bike
Reggae, hervorgegangen aus Rocksteady und Ska, ist heute längst eine musikalische Lingua franca geworden, die in der ganzen Welt verstanden wird. In den Dancehalls von Downtown-Kingston sind Whities allerdings nach wie vor nicht willkommen.
Es gibt Szenen, die sich dem Gedächtnis einbrennen wie Film auf Zelluloid. Wie in Zeitlupe sehe ich den Rückspiegel eines schwarzen Polizeiautos zersplittern. So als hätte ich die Szene wirklich nur auf Film gesehen. Aber dem war leider nicht so. Oder viel mehr zum Glück nicht so, zumindest aus der gesicherten zeitlichen Distanz von zehn Jahren betrachtet. An dem Abend wäre mir zum Thema Glück bestimmt ganz etwas anderes eingefallen.

Seit Bob Marley hat sich in der Reggae-Szene einiges geändert.
Seit über einer Stunde warte ich auf dem Parkplatz des berühmten Skateland, einer Eislaufplatz-großen Arena für Skater, die zu den neuesten Reggae-Tunes ihre Runden drehen. In dieser Nacht steht ein Dancehall-Großereignis auf dem Programm, von dem wir gerade erst durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfahren haben; ein Zusammentreffen der Heavyweights unter den Sound-Systems. An dem Clash of the Year sollen drei Sounds teilnehmen: Killamanjaro Stone Love und Bass Odyssey. Vor dem Eingang zur umfunktionierten Skater-Disco herrscht Chaos pur.
Unter Aufbietung all meiner psychischen und physischen Kräfte kämpfe ich mich durch die alles andere als Whitie-freundliche Menge. Bei den schwer bewaffneten Ordnungskräften vor dem Drehkreuz mit Sperrgitter ist Endstation. Freundliche Worte haben hier das Gewicht von Gänsefedern. "500 US-Dollar und du kannst den Boss sehen", schreit mir der Türlsteher, der in jedem Gangster-B-Movie problemlos den Bösewicht mimen könnte, ins Gesicht, glaubwürdig unterstützt von seinem lässig unter die Achsel geklemmten M16-Sturmgewehr. Was würde dann erst der Boss verlangen, denke ich bei mir und kämpfe mich retour durch die drängelnde Rude-Boy-Masse aus Downtown-Kingston.
Ganz am anderen Ende des Parkplatzes startet ein sortentypischer Vertreter der Rude-Boy-Spezies sein Ninja-Bike. Bis heute sind die rennmäßig aufgemotzten 750er-Kawasakis der bevorzugte Untersatz für männliche Ghettokids. Das ideale Produktionsmittel zum Beweis von permanenter Furchtlosigkeit und Todesverachtung. Die gut ausdefinierte Muskelmasse schwingt sich im ärmellosen weißen Netz-T-Shirt, weißer Leder-Jeans, mit offenem Stoffgürtel in den äthiopischen Rastafarben und ebenso offen getragenen Nike-Boots auf den Sattel des wörtlich zu nehmenden Feuerstuhls. Der Begriff Straßenverkehrsordnung findet sich nicht im Vokabular jamaikanischer Rude Boys. Schalldämpfer in Auspuffanlagen gehören daher in Jamaica zu den Wegwerfartikeln.
Den folgenden Auftritt könnte eine Rude-Boy-Satire nicht besser erfinden: Mit einem kurzen, aber heftigen Dreh am Gasgriff lässt der Protagonist seine Ninja einen perfekten Halbkreis auf dem rauchenden Hinterreifen drehen. Wie stundenlang einstudiert, springt eine Dancehall-Queen hinter ihm auf den nicht erkennbaren Rücksitz. Ihr Outfit ließe sich ohne Sexismen nur schwer beschreiben. Am züchtigsten wirken da noch die kniehohen Lackstiefel - natürlich in Rot, passend zur Farbe des Bikes. Aber wo will diese perfekte Komposition aus Menschen und Maschine hin? Zwischen dem Startort und dem Ausgang stehen Trauben von Wartenden, ein Truck des Killimanjaro Soundsystems und gleich daneben ein Polizeiwagen.
Endlich wird mir klar: Genau um diese Machtdemonstration geht es ja - nur der Härteste kann ungestraft hier durchkommen. Der Fahrer gibt Vollgas, die fingerdicken Goldketten um seinen Hals, mit Anhängern wie bei einem ghanaischen König, wirft er sich über die rechte Schulter. Und ... Sesam öffne Dich! Wo zuvor noch kein Zentimeter Platz war, weicht die Menge zur Seite und steht dem Kampfross Spalier. Nur der Platz zwischen dem Lastwagen und dem voll besetzen Polizeiauto ist einfach zu eng. Also kommt es, wie es kommen muss zur Offenbarung der ungeschriebenen Gesetze der Dancehall: "Eher sterben als das Gesicht zu verlieren" und "Rückzug ist Selbstmord".
Wieder mit Vollgas jagt der Ninjafahrer sein Bike zwischen den Hindernissen durch. Die Rückspiegel des Motorrades ziehen tiefe Furchen durch die Karosserie von Lastwagen und Polizeiauto. Das blecherne Geräusch der aneinander reibenden Metalle übertönt die schweren Bass-Sounds aus dem Inneren von Skateland. Hunderte Augenpaare fixieren das Geschehen, bereit, sich in Deckung zu werfen, falls das passiert, was in Kingston so oft passiert: nämlich ein Shootout zwischen Rude Boys und Polizei.
Schließlich der entscheidende Moment. Rückspiegel von Motorrad und Polizeiauto liegen auf selber Höhe. Beide ereilt das gleiche Schicksal. In hohem Bogen fliegen die Splitter durch die Luft. Ein Knaller wie bei einem richtigen Verkehrsunfall. Und das Bike ist durch. Wie erstarrt die ganze Szenerie. Was aber machen die Polizisten? Sie tun so, als hätten sie gar nichts bemerkt oder als wäre es das Natürlichste der Welt, mit voller Absicht einen Polizeiwagen zu beschädigen.
Nach einem Moment der stillen Bewunderung hebt ein Geraune der Bewunderung und Gelächter über das Husarenstück an. Das ungleiche Duell hat einen klaren Sieger. Unterstrichen vom aufgezogenen Motorengeheul der schon längst aus dem Sichtfeld verschwundenen Kawasaki, die - wie zum Hohn der ohnehin schon blamierten Polizisten - mit Vollgas über die Kreuzung von Halfway Tree Richtung Crossroads jagt. Vielleicht ist es ganz gut, dass die private Schutztruppe einer Ghetto Gang an diesem Abend für die Sicherheit sorgt und nicht nur die Polizei.
13.05.2006
Hör-Tipp
Diagonal, Samstag, 13. Mai 2006, 17:05 Uhr
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Wikipedia - Reggae