Ein möglicher Titelanwärter
Argentinien
Am 9. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Einen Monat lang wird "König Fußball" das dominierende Thema in den Medien und der Gesellschaft sein. Bis dahin stellt Ihnen oe1.ORF.at die 32 teilnehmenden Nationen vor.
8. April 2017, 21:58
Im April 2004 wurde Diego Armando Maradona, der schon viele Entziehungskuren hinter sich hatte, mit Herzproblemen in die Klinik Suizo-Argentino von Buenos Aires eingeliefert. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Vor der Klinik legten verzweifelte Fans Kerzen, Kinderschnuller oder gar Höschen aus der Hochzeitsnacht nieder, um ihrem Idol beizustehen.
Nun, anderthalb Jahre später, wirkt Maradona so gesund wie lange nicht mehr. Er ist fünfunddreißig Kilogramm leichter, hat seine eigene Fernsehshow - möglicherweise steht er als Betreuer auch vor der Rückkehr in den Kreis der Nationalmannschaft.
Natürlich kommt diese wunderbare Auferstehung in einem Land, in dem der Fußball, wie der Universitätsprofessor Pablo Alabarces behauptet, die wichtigste kulturelle Maschine zur Produktion nationaler Identität geworden ist, rasch die Bedeutung eines himmlischen Zeichens. Maradona ist zurück. Und das Land ist, drei Jahre nach seiner schweren Wirtschaftskrise, wieder kreditfähig. Es geht aufwärts mit Argentinien.
Schon damals, 1994, als er mit Kokain im Blut die Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten schmählich verlassen musste, war Maradona zum Symbol einer nationalen Gefühlslage geworden, damals die der immer währenden Party. Es waren die Jahre von Staatschef Carlos Menem, gezeichnet durch hohe Staatsverschuldung und allgemeine Konsumwut. Dann, zum Jahresende 2001, mussten die Argentinier feststellen, dass sie jahrelang auf Pump gelebt hatten.
Die Banken schlossen, Argentiniens Mittelstand verarmte auf einen Schlag. Drei Jahre später erholt sich die Wirtschaft des Landes, begünstigt von steigenden Exportpreisen, rasant. Präsident Kirchner bezahlt seine Auslandsschulden, auf dem internationalen Kapitalmarkt ist Argentinien wieder salonfähig, die Arbeitslosigkeit sinkt.
Noch hat die verbesserte Großwetterlage die arbeitende Bevölkerung nicht erreicht. Vierzig Prozent der sechsunddreißig Millionen Argentinier leben noch immer unter der Armutsgrenze; häufige Streiks sind die Folge. Nach dem 39. Streik innerhalb eines Jahres hat die Stadtregierung von Buenos Aires gerade eben beschlossen, das berühmte Theater Colon, eines der großen Opernhäuser der Welt, vorläufig zu schließen.
Nur die Fußballer streiken nicht. Sie produzieren, noch immer, nationale Identität. Zu dieser Identität gehörte, im Urteil der Nachbarn, stets eine Prise Überheblichkeit. Die ist jetzt weg. Selbst der neue argentinische Nationaltrainer José Pekerman predigt die Tugend der Bescheidenheit. Und die alten Grenzstraßen im Zentrum von Buenos Aires, Lavalle und Corrientes, sind voll von Immigranten aus Paraguay und Bolivien - Argentinien, das immer so stolz auf seine europäischen Wurzeln war, ist ein lateinamerikanisches Land geworden. Ein wunderschönes.
Dieser Text entstammt einer Kooperation mit "Anstoss", der Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur FIFA WM 2006; ein Projekt von André Heller.
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