Neue Optionen lateinamerikanischer Politik
Jahrbuch Lateinamerika 29
In Essays und Analysen zeigen die Herausgeber des "Jahrbuches Lateinamerika 29" Diskurse und Konzepte auf, sowie Praxis und Chancen neuer Reformpolitiken, und fragen zugleich, ob es links der Mitte Kompetenz und mehrheitsfähige Politikangebote gibt.
8. April 2017, 21:58
"Ein anderes Lateinamerika ist möglich" - unter dieses Motto stellt Herausgeber Albrecht Koschützke das 29. Jahrbuch Lateinamerika. Ein anderes Lateinamerika bedeutet ihm dabei vor allem eines, das sich aus der neoliberalen Weltherrschaft befreit. Die Wahlen der letzten Jahre, von Venezuela über Brasilien und Argentinien bis zu Uruguay, haben zum Phänomen eines "Linksrutsches" auf dem Kontinent geführt, dessen viele Gesichter die Autoren des Jahrbuches in Essays und Analysen aufzuzeigen versuchen.
Wie viel Reformpotenzial gibt es in der Gesellschaft und der politischen Praxis eines Landes? Wie viel Handlungsfreiheit haben ein Präsident, reformorientierte Parteien oder andere gesellschaftliche Organisationen?
Zum Beispiel Argentinien
Dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes 2001 ist ein großes Kapitel gewidmet, da in der Argentinien-Krise eine polit-ökonomische Zäsur in ganz Lateinamerika gesehen werden kann. Das Land kam im Dezember 2001 wegen völliger Zahlungsunfähigkeit international in die Schlagzeilen. Nach eineinhalb politisch unruhigen Jahren trat der bis dato relativ unbekannte Nestor Kirchner sein Amt als Präsident mit nur 22 Prozent der Wählerstimmen an - und hat die argentinische Politik seither nachhaltig verändert, analysiert Ingo Malcher in seinem Beitrag. Als beispielgebend beschreibt er darin vor allem die Bedingungen, die Kirchner bald nach Amtsantritt zur Rückzahlung der Staatsschulden ausgehandelt hatte.
Es galt, die Schwäche zur Stärke zu machen: Einer, der eine Million US-Dollar schuldet, hat ein Problem, schuldet er jedoch viele Milliarden, haben die Gläubiger ein Problem. Mit dieser Logik versuchte Präsident Kirchner aus dem argentinischen Default - immerhin der Summe nach der größte Zahlungsausfall in der Geschichte der emerging markets - ein neues national-regionales Akkumulationssystem zu etablieren, dessen Konturen sich gerade erst herauskristallisieren.
Immerhin gelang es so, einen großzügigen Schuldenerlass, nämlich 70 Prozent, auszuhandeln. Nestor Kirchner ist im Rahmen der seit Jahrzehnten in Argentinien tonangebenden Bewegung des Peronismus politisch groß geworden und steht so nicht für revolutionären Wechsel, sondern vielmehr für im Rahmen des bestehenden Systems stattfindenden Wandel, meint Ingo Malcher - ein Wechsel, der beispielgebend auch für andere lateinamerikanische Länder sein könnte.
Nur für wirklich Interessierte
Auch die Entwicklungen der letzten Jahre in Venezuela, Ecuador, Mexiko, Peru oder Uruguay werden in dem Jahrbuch beschrieben. Die Analysen sind profund, ihr Verständnis wird jedoch nicht nur durch die manchmal wenig leserfreundliche Sprache erschwert. Oft erfordern sie außerdem zumindest eine gewisse Vorkenntnis der politischen Zusammenhänge in den einzelnen Ländern.
Zur Abrundung des eingangs postulierten Phänomens des Linksrutsches fehlen nur Untersuchungen der jüngsten Wahlen in Bolivien und Chile, die jedoch erst nach Abschluss des 29. Lateinamerika-Jahrbuchs stattgefunden haben. Dass die Autoren diesen nur sehr vage definierten "Linksrutsch" als grundsätzlich positiv einstufen, geht aus den Artikeln eindeutig hervor. Was sie deshalb teilweise etwas einseitig erscheinen lässt, bietet an der politischen Entwicklung Lateinamerikas Interessierten gleichzeitig viel Stoff für weiteres Nachforschen und Nachlesen.
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.
Buch-Tipp
Karin Gabbert, Wolfgang Gabbert, Ulrich Goedeking, Bert Hoffmann u. a., "Neue Optionen lateinamerikanischer Politik. Jahrbuch Lateinamerika 29", Verlag Westfälisches Dampfboot, ISBN 3896916246
