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Wir sind Zauberer

Samuel Beckett zum Nachhören

Interessantes Tonmaterial bietet eine Werkauswahl, die zum 100. Geburtstag Samuel Becketts im Hörverlag erschienen ist. Von der berühmten "Godot"-Inszenierung Kortners über Hörspiele und Prosa reicht das Spektrum der 6 CDs.

Die einzige existierende Aufnahme mit Samuel Beckett

Er gab sich nie als elitärer Avantgardist, sondern legte Wert auf die direkte Verständlichkeit seiner Texte. Seine Werke zu interpretieren oder zu erläutern, lehnte Samuel Beckett dezidiert ab. Er weigerte sich grundsätzlich, den Konventionen des Theaters zu entsprechen.

Seine Literatur sollte kein erkennbares, naturalistisches Abbild der Welt darstellen, weil er die Wirklichkeit als zu komplex einstufte, um sie mit den herkömmlichen Mitteln des Erzählens einfangen zu können. Samuel Beckett wollte das konkrete Erlebnis dessen vermitteln, was es für den Menschen bedeutet, auf der Welt zu sein. Er tat das in einer neuen künstlerischen Form, die auch das unverständlich Chaotische des Lebens einschloss.

Der hörverlag legt nun eine sechs CDs umfassende Werkauswahl vor, die - neben Becketts berühmtem "Godot" - Hörspiele, Prosa und Lyrik des 1989 in Paris verstorbenen Iren und darüber hinaus ein Feature der freien Journalistin, Autorin, Übersetzerin und Beckett-Biografin Gaby Hartel enthält. Hier findet sich auch die einzige existierende Tonbandaufnahme, auf der die Stimme des mikrofonscheuen Dichters zu hören ist.

Samuel Beckett im Originalton

Der Originalton entstammt einer Regiebesprechung des TV-Films "was wo". Beckett fragt seinen US-Regisseur Stan Gontarski, warum er das Ein- und Ausblenden auf die Gesichter der Protagonisten unsystematisch einsetzt.

Beckett: And another thing that struck me: you fade them out and suddenly at one point, suddenly they’re there. Is that deliberate? E.g. in the end you fade up, you’re suddenly there. That’s not good.
Gontarsky: And should he fade up?
Beckett: Well, it should be all fades. I don’t know why, sometimes it fades and sometimes not.
Gontarsky: Mmhm. Do we look at these parts, can you show me what you mean?


Beckett erklärt, dass er sein Stück, das ursprünglich fürs Theater konzipiert war, als TV-Stück viel passender findet.

Beckett: I actually was aware that it was written for the theatre, but it’s much more of a television play than a theatre play.
Gontarsky: It’s very powerful on television I think. You originally wrote it for the theatre?
Beckett: Yes, but yes! And you saw the actual characters entering and leaving with all the problems with the make-up and costume and the floor; and we went through this text... to Stuttgart to modify. Well, I have modified this. But the work in Stuttgart consisted in getting rid of every superfluency.

Heinz Rühmann in "Warten auf Godot"

Becketts "Warten auf Godot", 1953 in Paris uraufgeführt, wurde innerhalb von nur vier Jahren von über einer Million Menschen in aller Welt gesehen. Es war maßgeblich dieser Erfolg, der den Autor für den Literaturnobelpreis prädestinierte. Der Überreichungszeremonie 1969 blieb der scheue und bescheidene Beckett fern.

Fritz Kortner inszenierte die Theater-Parabel 1954 für die Münchner Kammerspiele - mit Heinz Rühmann und Friedrich Domin als Wladimir und Estragon. Der Mitschnitt der Generalprobe ist eine bühnenhistorische Kostbarkeit aus dem Archiv. Im "Godot" konnte Rühmann all seine Bühnenqualitäten ausspielen, vom Slapstick bis zu tragisch-resignativen Tönen. Seine Rolle als Wladimir war das Sprungbrett für den Wandel zum Charakterdarsteller.

Pochade Radiophonique

Wenn Beckett für das Radio arbeitete, so wurde das Medium zum Experimentierfeld. Er wollte kein bloßes Theater für die Ohren anbieten, also ließ er die karge Fabel zugunsten einer Komposition aus Geräuschen, Musik, Wortklang und Stille in den Hintergrund treten. Ein typisches Beispiel ist seine "Pochade Radiophonique", was so viel bedeutet wie "flüchtige Skizze für den Rundfunk". Hier thematisierte er die problematische Suche des Schriftstellers nach Inspiration.

Ein Autor, Beckett nennt ihn "Animator", holt täglich einen Mann namens Fox aus einer Art Schrank und lässt ihn foltern, um ihn zur Preisgabe von etwas Wesentlichem zu zwingen, das "Formel" oder "Geheimnis" genannt wird. Man ist menschlichen Regungen auf der Spur. Eine bedauernswerte Stenotypistin muss protokollieren und unliebsame Äußerungen wie etwa Schreie ausradieren. Das Vorhaben, Erinnerungen oder Gefühle aufzuzeichnen, gerät zu einem erfolglosen, tragikomischen Unterfangen.

Hörspiel-Rarität

Die CD-Box des Hörverlags enthält auch die englische Originalversion von Becketts erstem Hörspiel, "All That Fall", (dt.: "Alle, die da fallen"). Es ist voll von irischem Humor und Pathos. Eine 70-jährige, dicke Frau, gespielt von Becketts Lieblingsschauspielerin Billie Whitelaw, schleppt sich zum Bahnhof, um ihren blinden Mann abzuholen. Auf ihrem Weg trifft sie diverse kauzige Charaktere. Montiert ist dieses Hörspiel aus Erinnerungsfetzen, Schlüsselszenen und Bildfragmenten.

Becketts Lyrik, kompiliert in dem Zyklus "Trötentone", umfasst kurze, von intensiven Eindrücken geprägte Texte.

Die akustischen Beckett-Werkauswahl enthält außerdem zwei Prosatexte des Autors und ein informatives, illustriertes Beibüchlein mit Hardcover. Bis auf die von Barbara Köhler ins Deutsche übertragenen Gedichte stammen sämtliche Übersetzungen von Elmar Tophoven.

13.04.2006

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Samuel Beckett wäre 100
Gespräch mit Wieland Schmied
Kolumne von Robert Weichinger


Hör-Tipp
Hörbücher, Montag, 17. April 2006, 16:05 Uhr

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Hörbuch-Tipp
Samuel Beckett, "Wir sind Zauberer. Godot und die Anderen. Drama, Hörspiele, Prosa, Gedichte und eine Originalton-Aufnahme", 6 CDs, Gesamtspieldauer 385 Min., der Hörverlag, ISBN-13: 9783899408027, ISBN-10: 3899408020

Links
höverlag - Wir sind Zauberer
samuel-beckett.net

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