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Kultur

Erich Kleibers 50. Todestag

Gedenken an den großen Dirigenten

Er zählte zu den größten Dirigenten seiner Zeit: Erich Kleiber (1890-1956). Vor 50 Jahren starb der große Musiker, ein Unbequemer, der in seiner Heimatstadt Wien nie richtig Fuß fassen konnte. Vor allem der "Rosenkavalier" ist mit seinem Namen verbunden.

Am vergangenen Freitag, am 27. Jänner, wurde weltweit des 250. Geburtstages von Wolfgang Amadeus Mozart gedacht, ganz besonders natürlich auch in Ö1. Verständlich, dass daher andere wichtige Gedenktage in den Hintergrund treten mussten.

So auch der 50. Todestag des aus Wien stammenden Dirigenten Erich Kleiber, des Vaters von Carlos Kleiber. Ausgerechnet an Mozarts 200. Geburtstag - also vor 50 Jahren - ist Erich Kleiber völlig unerwartet in einem Züricher Hotel gestorben.

Kein Dirigat zum Mozart-Geburtstag

Ganz im Gegensatz zu vielen anderen seiner Kollegen, wollte Kleiber aber an diesem großen Mozart-Gedenktag nicht dirigieren. Wenn man so will, war allein das schon ein ganz typischer Charakterzug von dieses Dirigenten, der seine ganze Karriere lang stets nur sehr schwer einschätzbar gewesen ist.

Einer der hervorragendsten Dirigenten

Ohne Zweifel zählte Kleiber ja seit den 1920er Jahren zu den wichtigsten Dirigenten seiner Zeit. Relativ klein - gemessen an seiner Bedeutung - ist hingegen sein Vermächtnis auf Bild- und Tonträgern, vor allem was z. B. Verdi betrifft - war er doch nicht unwesentlich an der seinerzeitigen deutschen Verdi-Renaissance beteiligt.

So hat Kleiber etwa 1932 als Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper die dortige Erstaufführung der "Sizilianischen Vesper" mit einem kaum zu überbietenden Star-Ensemble zu dem u.a. Anny Konetzni, Helge Rosvaenge, Heinrich Schlusnus und Emanuel List zählten, geleitet. Und knapp 20 Jahre später, im Verdi-Jahr 1951, dirigierte er dieses Werk auch beim Maggio Musicale Fiorentino. Dort stand ihm allerdings nur für zwei der äußerst anspruchsvollen Rollen eine ähnlich adäquate Besetzung zur Verfügung. Das aber waren damals immerhin Maria Callas und Boris Christoff.

Erich Kleiber (1890-1956)

Geboren wurde Erich Kleiber am 5. August 1890 in Wien. Sein Vater war Professor für Griechisch, Latein und Deutsch, ein durchaus auch musisch begabter Mann. Seine Mutter stammte aus Prag und war die Tochter eines hochangesehenen Hofwagenmachers.

Erich Kleiber hat in seiner Jugend in Wien noch die Mahler-Ära an der Hofoper erlebt, die ihn geprägt und wohl auch in seiner späteren Kompromisslosigkeit bestärkt hat. So hat er z. B. Mahlers angeblichen Ausspruch, wonach Tradition mit Schlamperei gleichzusetzen sei, quasi sachlich korrigiert, wenn er meinte: "Routine ist der Tod der Musik".

Beginn in Prag

Kleiber hat in Prag neben Musik auch noch Philosophie und Kunstgeschichte studiert und dort auch seine berufliche Laufbahn begonnen.

Zunächst als Korrepetitor und als Chorleiter, danach ging Kleiber in die deutsche Provinz - nach Darmstadt, Düsseldorf und Mannheim, bis ihn schließlich 1923 ein Ruf nach Berlin erreicht hat.

Schicksalsstadt Berlin

Und Berlin wurde dann im wahrsten Sinne des Wortes sein Schicksal. Ein äußerst fruchtbares Jahrzehnt als Generalmusikdirektor lag damals vor ihm. Hier hat er an der Staatsoper unter den Linden im Dezember 1925 Alban Bergs "Wozzeck" erfolgreich uraufgeführt.

Mit Hitlers Machtergreifung aber wurde ihm das politische Klima immer unerträglicher. Trotz großer Zugeständnisse seitens der braunen Machthaber verließ Kleiber schließlich 1934 die Berliner Staatsoper. Tragischerweise sollte sich Ähnliches dann mehr als 20 Jahre später - und ebenfalls in Berlin - auch mit den Kommunisten wiederholen. Und auch sie hat Kleiber überdeutlich in ihre Schranken verwiesen.

Buenos Aires, Zentrum in der Emigration

Mit Kleibers Abgang aus Berlin hatte für Kleiber das begonnen, was sein Biograf John Russel als sein "Vagabundenleben" bezeichnete. Kleiber reiste in diesen Jahren der Emigration sehr viel.

Zu einem Zentrum seiner Tätigkeit wurde damals vor allem das Teatro Colon von Buenos Aires. Dort gelang es ihm immer wieder, erstrangige Künstler aus der Alten Welt hinzulocken.

Wieder zurück nach Europa

Trotzdem: Nach Ende des Krieges trieb es Kleiber doch bald wieder nach Europa zurück - nach Wien, nach Berlin, nach Italien.

Ebenso gastierte er beim Rundfunk in Köln, wo er auch zwei komplette Opern einspielte: Beethovens "Fidelio" noch im Jänner 1956, also wenige Tage vor seinem Tod, mit Birgit Nilsson, Hans Hopf, Gottlob Frick, Paul Schöffler Pizarro, Ingeborg Wenglor und Hans Braun. Im Jahr davor war es Webers "Freischütz" mit u.a. Elisabeth Grümmer, Rita Streich und Hans Hopf.

"Rosenkavalier", mit Kleibers Namen verbunden

Eine Oper, die wie kaum eine andere mit dem Namen Kleiber verbunden ist - und zwar sowohl mit Erich Kleiber, wie später dann auch mit seinem Sohn Carlos - ist der "Rosenkavalier" von Richard Strauss.

Neben der berühmten Wiener Platteneinspielung mit Maria Reining, Sena Jurinac, Hilde Gueden, Walter Weber und Alfred Poell aus dem Jahr 1954 gibt es auch den Mitschnitt von den Münchner Opernfestspielen 1952, ebenfalls mit Maria Reining als Marschallin, sowie mit u.a. Erna Berger, Elisabeth Grümmer und Karl Kamann.

Für Wien zu unbequem

Die Tragik seines Künstlerlebens war, dass Erich Kleiber in seiner Geburtsstadt Wien eigentlich nie richtig Fuß fassen konnte, nie eine fixe Stellung inne hatte. Den dafür war er seinen Landsleuten einfach nicht bequem genug.

Obwohl - gerade in seinen letzten Jahren schien sich doch noch eine engere Verbindung anzubahnen, nicht zuletzt aufgrund seiner Plattenerfolge mit den Wiener Philharmonikern.

Eine charakteristische Geschichte

Dazu gibt es auch eine für ihn ganz typische Geschichte: Kleiber war einmal in einem renommierten Opernhaus - es könnte durchaus Wien gewesen sein - eingeladen, den "Rosenkavalier" zu dirigieren (schließlich waren drei "Rosenkavalier"-Aufführungen im Jahr 1951 seine einzigen Staatsopern-Auftritte).

Er verlangte für dieses Gastspiel drei volle Orchesterproben. "Das ist völlig unnötig", wurde ihm versichert, "unser Orchester kennt das Werk praktisch auswendig". Kleibers Antwort: "In diesem Fall muss ich allerdings auf sechs Proben bestehen!"

"Hausgott" Mozart

Beim Gedenken an Erich Kleiber aber darf natürlich sein "Hausgott" Wolfgang Amadeus Mozart nicht fehlen:

Diesem hat er mit seiner berühmten Wiener "Figaro"-Aufnahme aus dem Jahr 1955 mit den Wiener Philharmonikern und den Solisten Lisa della Casa, Hilde Güden, Cesare Siepi, Alfred Poell, Fernando Corena, Murray Dickie, Hugo Meyer-Welfing und Harald Pröglhof gehuldigt.

Gestaltung: Gottfried Cervenka · 31.01.2006

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 31. Jänner 2006, 15:06 Uhr

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