Standort: oe1.ORF.at

Musik

Leos Janáceks "Im Nebel"

Gespielt von Edith Kraus und Adina Mornell

Ein kleiner vierteiliger Klavierzyklus von Leos Janácek, "V Mlach" - wörtlich "In den Nebeln" - ist das letzte Werk Janáceks für Klavier solo und gleichzeitig sein Meisterwerk. Die Interpretationen von Edith Kraus und Adina Mornell im Vergleich.

Im Vergleich: Edith Kraus und Adina Mornell

"V Mlach" - "Im Nebel", eigentlich wörtlich "In den Nebeln" - ist das letzte Werk Janáceks für Klavier allein und gleichzeitig sein Meisterwerk. 1912 ist es entstanden. "Man lasse sich nicht irreführen durch den Titel: Dies ist nicht die Beschaulichkeit impressionistischer Nebel, gemeint sind eher die Nebel des Schicksals, die es zu durchdringen gilt. Dieses Werk ist weder eine Sammlung noch eine Suite; alle vier Stücke sind von der gleichen erregten Stimmung durchdrungen und bilden eine vollkommene Einheit." So Milan Kundera. Sein Vater Ludvik war Kollege und Freund von Janácek.

Melancholische Grundstimmung

Janácek ist 58, als er "Im Nebel" schreibt. Er hat schwierige Zeiten hinter sich, lebt in künstlerischer und persönlicher Isolation. Das ist unüberhörbar. Trotz vieler Lyrismen, zärtlicher Anklänge ist und bleibt die Grundstimmung melancholisch. Jaroslav Vogel, einer der wichtigsten Janácek-Biografen, ist der Meinung, dass der Titel "Im Nebel" sich auf den Nebel beziehe, den der Komponist während dieser Zeit empfand - angesichts der kleinlichen Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Großteil seiner Musik im Allgemeinen und im Besonderen gegenüber seiner Oper "Jenufa".

Verblüffend ist die Schlichtheit, auch die große Knappheit von Janáceks ganz und gar individuellen, unverwechselbaren Stil. Massige Klangfülle mag er nicht, jedes Motiv, jede einzelne Note soll ganz klar und in ihrer Eigenart hervortreten können. Die Musik, auch wenn betont nicht-romantisch, ist immer leidenschaftlich und expressiv.

Edith Kraus in Theresienstadt

Edith Kraus wurde 1913 in Wien geboren, als als Elfjährige gab sie ihr Konzertdebüt. Als jüngste Studentin wurde sie 1927, mit 14, an die Staatliche Hochschule für Musik in Berlin zugelassen. Kraus war die jüngste Schülerin von Artur Schnabel.

Ihre Karriere als Konzertpianistin begann in den 1930er Jahren und wurde jäh unterbrochen durch die Deportation nach Theresienstadt im Jahre 1942. Edith Kraus hat überlebt. Sie hat in Theresienstadt die sechs Klaviersonaten von Viktor Ullmann uraufgeführt - zu finden in der "Koch Terezin Musicanthologie", die ein erschütterndes Dokument ist für den nicht zu brechenden künstlerischen Überlebenswillen der Musiker in Theresienstadt.

Edith Kraus hat nach der Befreiung viel in Prag konzertiert und im Rundfunk Aufnahmen gemacht. 1949 ist sie nach Israel ausgewandert und hat dort in Tel Aviv unterrichtet, weiter Konzerte gegeben und sich um das Vermächtnis der Musik in Theresienstadt gekümmert.

"Gefühlsnebel" für Adina Mornell

Ein bisschen verweilender, weniger radikal, den freien Assoziationen moderater nachsinnend, spielt Adina Mornell die "Nebel". Für sie tut sich bei Janácek ein Gefühlsnebel auf, die Episoden lässt sie in diffusem Licht und verwaschenen Farben verschwinden. "Janácek verwendet hier die Tonarten Des-Dur und Ges-Dur. Das bedeutet ein Spiel hauptsächlich auf schwarzen Tasten, die ich auch mit geschlossenen Augen finde oder wie im Nebel erfühle", sagt Adina Mornell.

Gestaltung: Renate Burtscher · 25.12.2005

Mehr dazu in Ö1 Programm

CD-Tipp
Leos Janácek, "Im Nebel", Rudof Firkusny - Klavier, DG 4497642

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick