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Wissen

Die Google-Gesellschaft

Vom digitalen Wandel des Wissens

Was man noch vor wenigen Jahren mühsam in Bibliotheken besorgen musste, passiert heute rasend schnell. Entscheidendes Werkzeug dabei ist die Suchmaschine. Google hat es in wenigen Jahren vom Insidertipp zum marktbeherrschenden Unternehmen gebracht.

Wie der Sender BBC im August 2004 berichtete, wurde der im Irak entführte Journalist John Martinkus auf Grund von Internet-Recherchen freigelassen. Die Entführer überprüften Martinkus' Aussagen per Google-Suche und stellten so sicher, dass dieser weder für ein US-Unternehmen oder den CIA arbeitet, noch US-Amerikaner ist. Der australische Journalist kam mit einem gehörigen Schrecken davon; dass seine journalistischen Berichte online gelesen werden konnten, rettete ihm das Leben.

Eine Episode, die verdeutlicht, dass das Internet mittlerweile längst die Rolle erfüllt, die Experten schon lange prophezeit haben: die eines globalen Gedächtnisses, einer Bibliothek des menschlichen Wissens, zugänglich aus allen Winkeln der Erde.

Google hat Strahlkraft

Die Recherche im Internet ist heute zu einer zentralen Kulturtechnik geworden. Neben Amazon und eBay gehört Google nicht nur zu den berühmtesten und erfolgreichsten Internet-Unternehmen, sondern besitzt von allen Überlebenden der New Economy vermutlich auch die meiste Strahlkraft.

Google ist eine Projektionsfläche für Hoffnungen, Verzauberungen und Utopien: Selbst eine von Microsoft befreite Welt - mit einem Google-Betriebssystem - meinen manche Fachleute aus den unklaren Andeutungen und Experimenten des Unternehmens herauslesen zu können.

Vermutungen und Wünsche, die man bei Google gerne hört. Seit Larry Page und Sergey Brin vor sieben Jahren ihre Firma - wie könnte es anders sein - in einer Garage im Silicon Valley gründeten, werden Unternehmensdaten und technische Infrastruktur streng geheim gehalten. Top secret ist natürlich vor allem der Algorithmus, der für die Zusammenstellung der Suchanfragen verantwortlich ist.

Pluspunkt Pageranking

Das System ist Googles großer Trumpf. Während man sich bei der Konkurrenz immer wieder über unnütze oder anzügliche Sucherergebnisse ärgern muss, haben Page und Brin eine Technik kreiert, die offenbar ankommt. Zugrunde liegt dabei die Überlegung, dass gute und wichtige Webseiten jene sind, auf die oft verwiesen wird.

Das geschieht mit dem Pagerank-Verfahren, das auf aggregierte Aufmerksamkeit zurückgreift: Wenn viele Seiten eine andere Seite empfehlen und die Empfehlenden wiederum viel Aufmerksamkeit bekommen, steigt der Wert der verlinkten Seite und sie wird höher in der Ergebnisliste angezeigt.

Zentraler Marktplatz des Internet

"Googeln" bedeutet aber vor allem eine neue Qualität der Recherche im globalen Netz. Während man früher "surfend" durchs Internet "flanierte", bedeutet "googeln" die zielgerichtete und Zeit sparende Nutzung des Internet als Informationsquelle.

Google und andere Suchmaschinen wie Lycos, Altavista oder Yahoo sind zum zentralen Markplatz im Internet geworden. Ohne Suchmaschinen wären die meisten Nutzer im Internet hoffnungslos verloren, weshalb über 90 Prozent aller User sie verwenden. Kein Wunder bei insgesamt schätzungsweise 10 bis 15 Milliarden WWW-Seiten.

Zusätzliche Angebote

Anfang des Jahres verzeichnete Google laut eigener Aussage rund acht Milliarden Seiten. Für Deutschland errechnete man übrigens, dass von den geschätzten 320 Millionen deutschen Webseiten nur rund 60 Prozent beim Marktführer Google zu finden sind. Und noch einiges anderes ist nicht Gold, was bei Google glänzt: Services wie Desktop-Suche, Toolbar, Gmail und die Google-News kamen in Verruf, weil man es scheinbar mit dem Datenschutz und der Ausgewogenheit nicht allzu genau nimmt.

Manche sehen durch Googles marktbeherrschende Stellung gar den freien Wissenszugang gefährdet. Zusätzlich schmilzt Googles technologischer Vorsprung, die Konkurrenz holt auf. Dies erklärt die vielen zusätzlichen Aktivitäten abseits der Websuche.

Einblick in die moderne Online-Welt

In zehn Kapiteln gehen über 50 Autoren der Frage nach, ob sich unsere Informationsgesellschaft und unser radikal veränderter Zugang zu Wissen zu einer vielfältigen und mehr oder weniger "freien" Wissenswelt entwickelt oder ob wir in eine informationelle Sackgasse geraten. Die Frage wird angesichts der Fülle von Meinungen naturgemäß nicht eindeutig beantwortet. Wer sich aber von den großspurig vorgetragenen gesellschaftspolitischen Thesen nicht allzu sehr ablenken lässt, findet im Sammelband "Die Google-Gesellschaft" einen spannenden Einblick in die moderne Online-Welt.

Text: Ivo Kaufmann · 05.11.2005

Buch-Tipp
Kai Lehmann, Michael Schetsche (Hrsg.), "Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens", Transcript Verlag, ISBN 3899423054

Links
Wikipedia - Google-Bombe
Google

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