Eine Archäologie der Gesten
Verzerrte Grimassen japanischer Sumo-Ringer oder der ernste Blick der Freundin: Die ungarische Künstlerin Ágnes Verebics lotet in ihren Porträts die Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Gesichts aus. Und bekam dafür den Anerkennungspreis beim Essl Award.
Ihr Thema ist das Gesicht. Von herkömmlicher Porträtmalerei kann angesichts ihrer Arbeiten aber nicht die Rede sein. Und das aus mehreren Gründen: Die junge Künstlerin Ágnes Verebics aus Budapest.

Ágnes Verebics
Ein Beispiel dafür ist "Untitled (Series of 6)", eine Arbeit aus dem Jahr 2004. Sechs quadratische Formate, Öl auf Leinwand. Darauf sind zumeist Gesichter wie in Ausnahmesituationen zu sehen - angespannt, schmerzerfüllt, verkrampft. Die Köpfe unnatürlich vom Betrachter weggedreht: "Als Vorlage für die meisten meiner gestischen Porträts, wie ich sie nenne, habe ich die Bilder von japanischen Sumo-Ringern als Vorlage genommen. Mich faszinierten diese Männer und ihr altes, fremdartiges Ritual."

Agnes Verebics malt in ihrer Serie "Untitled" die verzerrten Gesichter japanischer Sumo-Ringer, sie betreibt eine Archäologie der Gesten.
Durch die Farbgebung und die Verzerrung scheinen die Köpfe amorph. Francis Bacons Porträts kommen einem in den Sinn und das, was der französische Philosoph Gilles Deleuze über sie gemeint hat: "Die Figuren bestehen nur aus Fleisch und Nerven". Der Betrachter ist konfrontiert mit Gesichtern, die "ihr Antlitz noch nicht gefunden haben". Kräfte scheinen in den Figuren zu wirken, die "fortwährend ihre Richtung ändern", bevor sie in einem "ungeordneten Krampf ersterben." Sichtbar wird, meint Deleuze schließlich, "eine hohe Spiritualität ... eine Spiritualität des Körpers".
Wo bei Bacon die Hysterie der Figuren scheinbar aus dem Nichts kommt, ist sie bei Verebics durch den Kampf, durch das Ringen, durch das alte Sumo-Ritual begründet. Bei der Künstlerin stehen diese hysterischen Gesten also am Ende einer Suche, die sie durch Zeit und Raum ins alte Japan geführt hat. Man könnte Verebics' Arbeiten eine Archäologie der Gesten nennen, für die sie auch eine stringente Form der Darstellung findet: "Sowohl die strenge quadratische Form der Leinwände, als auch ihre regelmäßige Hängung, also diese ganze Systematik der Präsentation, steht im Gegensatz zu der Affektivität und Expressivität der Bilder. Diese Spannung ist mir sehr wichtig gewesen."
Näher am herkömmlichen Porträt ist ihre Serie "Faces", die ihr den Anerkennungspreis beim Essl Award einbrachte. Die sechs Gesichter sind dem Betrachter direkt zugewandt, blicken ihn meist unverwandt an, sind eher ernst als gut gelaunt, eher herausfordernd als passiv. Es sind Porträts von Verebics' Freunden: "Ich habe vor dem Malen kein genaues Konzept gehabt, wohin mich diese Bilder meiner Freunde bringen sollten. Es ging mir nicht um die Umsetzung einer vorgefertigten Idee, sondern ich habe mich beim Malen von meinen unmittelbaren Gefühlen leiten lassen."

In der Serie "Faces" sind Verebics' Freunde zu sehen; die Porträts sind von ihren unmittelbaren Emotionen während des Malvorgangs geprägt.
Die besondere Qualität liegt bei dieser Serie weniger im Sujet begründet, als im verwendeten Material und seiner besonderen Arrangierung: "Die Arbeiten werden in Öl auf Plastikfolie ausgeführt. Wobei jedes Porträt aus zwei übereinander liegenden Folien besteht. Mir ist dieser 'Schleier' sehr wichtig, weil er für den Betrachter eine Störung bedeutet und dafür sorgt, dass er dem Bild nicht zu nahe kommt; die Gesichter haben dadurch eine geheimnisvolle Ausstrahlung, eine Wirkung, die ich in Zukunft noch intensivieren möchte, indem ich den Porträts zusätzliche Folienschichten hinzufüge."

In ihrer Serie "Faces" hat Verebics mit transparenter Plastikfolie als Trägermaterial experimentiert.
Ágnes Verebics' Arbeiten werden von 11. November 2005 bis 29. Januar 2006 zusammen mit den Arbeiten der anderen Essl-Award-Preisträger in der Sammlung Essl in Klosterneuburg zu sehen sein.
Text: Wolfgang Popp · 19.10.2005
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