Eine Replik
Die Leute mit der von ihnen selbst gepriesenen "spitzen Feder", die Literaturkritiker, verstehen wenig Spaß, wenn sie auch mal dran kommen. Die Reaktionen auf die vorwöchige Literatur-Kolumne "wütend" zu nennen, wäre eine glatte Untertreibung.
Meine kurzen Bemerkungen von letzter Woche haben ja mächtig Aufsehen erregt. Nestbeschmutzung in eigener Sache wurde mir vorgeworfen, Selbstbefleckung, sowie Verunglimpfung und Beschädigung seriöser Kollegen und alter Freunde. Schon der Titel meiner Kolumne "Alles Gauner" sei ehrenrührig und stelle einen Fall übler Nachrede dar. Der Ausdruck "betrügerisch" erfülle bereits den Straftatbestand der Verleumdung, bekanntlich ein Verbrechen.

Literaturkritiker verstehen wenig Spaß, wenn sie auch mal dran kommen.
Gerichtliche Schritte wurden mir angedroht, sowie die dringende Empfehlung ausgesprochen, im Sinne meiner körperlichen Unversehrtheit enge Gassen und unübersichtliche Plätze zu meiden. Zumal im Dunkel der Nacht. Und jedenfalls die bestmögliche Krankenversicherung abzuschließen, die für Geld zu bekommen ist.
Schon erstaunlich, wie wenig Spaß die Damen und Herren Literaturkritiker, die Leute mit der "spitzen Feder" verstehen, wenn's um sie selbst geht. Andererseits, ich vertrat immer schon die These: Ein Journalist, der es sich in Zeiten wie diesen noch erlauben kann, unbewaffnet aus dem Haus zu gehen, kann kein guter Journalist sein.
Allerdings wurde mir auch vorgeworfen, den Philosophen Immanuel Kant - je nach "Wortmeldung" - nicht verstanden, falsch zitiert oder gleich mit verunglimpft zu haben. Und das will ich doch nicht auf mir sitzen lassen.
Kant geht die drei "ewigen Fragen" der Philosophie, die da lauten "Was ist wahr?", "Was ist gut?", "Was ist schön?" auf völlig neue Weise an. In gebotener Verkürzung: Er schlägt vor, die drei Fragen selbst, über die die Philosophen ja seit 2.000 Jahren nicht einig werden, einmal beiseite zu lassen. Und uns stattdessen anzusehen: Was passiert eigentlich mit und in uns, wenn wir uns diese Fragen stellen? Wie denken wir, wie funktioniert dieses Denken, wenn wir sie zu beantworten suchen?
Er ordnet den drei "Grundfragen" jeweils ein spezifisches menschliches "Erkenntnisvermögen", wie er es nennt, zu: der Frage "Was ist wahr?" (ist gleich: der Erkenntnistheorie) das Erkenntnisvermögen der "reinen Vernunft"; der Frage nach dem guten, richtigen Handeln (Ethik und Moralphilosophie) die "praktische Vernunft"; der Frage nach der Schönheit - entspricht dem Fachgebiet der Ästhetik - die "Urteilskraft". Diese drei Erkenntnisvermögen seien dem Menschen inhärent und angeboren, postuliert Kant, wir seien zu ihnen nicht nur befähigt, sondern sogar gezwungen: Kein Mensch komme um die drei Fragen letztlich umhin.
Kants grandiose Idee besteht nun darin, die drei Erkenntnisvermögen auf ihre spezifischen Regeln und Gesetzmäßigkeiten hin zu untersuchen, und sich so der Beantwortung der eigentlichen "Grundfragen" zu nähern. Das tut er in seinen drei Hauptwerken "Kritik der reinen Vernunft", "Kritik der praktischen Vernunft", "Kritik der Urteilskraft".
Was nun die Urteilskraft betrifft, entdeckt der geniale Denker des 18. Jahrhunderts einen eigenartigen und sogar haarsträubenden Widerspruch: Ästhetische Urteile sind immer subjektiv. Das wussten bereits die alten Römer: "De gustibus non disputandum" - über Geschmack lässt sich nicht streiten.
Jeder Einzelne trägt aber sein subjektives ästhetisches Befinden mit einer Art "intersubjektivem Anspruch" vor: Lese ich beispielsweise ein Buch, dann weiß ich zwar, dass mein Urteil darüber kein irgendwie objektives sein kann, im Sinn von Messbarkeit oder Reproduzierbarkeit. Zugleich aber meint jeder Urteilende, dass jeder andere zwangsläufig zum selben Urteil kommen muss; dass jeder Mensch sein ästhetisches Urteil teilen müsse, und das unbedingt und unvermeidlich. Es sei eben "intersubjektiv", für alle Subjekte gültig. Und dieser Anspruch, so Kant, ist dem Befinden über Kunst unumstößlich inhärent.
Das ist ganz anders, um es zu verdeutlichen, als etwa bei der Feststellung: "Mir ist kalt." - Auch dies ein Urteil, aber hier ist klar, dass in der gegebenen Situation dem einen kalt sein kann, dem anderen aber noch lange nicht kalt sein muss. - Anders beim Urteil: "Dies ist große Literatur". Der das ausspricht, meint, zu diesem Urteil müsse jeder gelangen. Und wenn nicht, sei er ein Ignorant, ein Nichtswisser, ein Minderbegabter oder sonst ein Idiot.
Ein Irrtum, ganz offensichtlich. Auf diesem Missverständnis, diesem fundamentalen Irrtum menschlichen Denkens beruht offenbar jegliche Diskussion über Kunst, jede Kunstrezension und auch jede "professionelle" Literaturkritik: Die Menschen können es nicht lassen, sinnloserweise über Kunst und Literatur zu debattieren, wiewohl sich der Gegenstand der Diskussion eindeutig entzieht.
Wenn aber jemand seinen Lebensunterhalt, und durchaus nicht knapp, mit solch nutzlosem Treiben verdient, unter Ausbeutung der offensichtlichen Irrtümer der Menschen, dann möge der Leser selbst beurteilen, ob das "betrügerisch" genannt werden darf.
Text: Thomas Schaller · 23.09.2005