Die Revolution aus Karton
Vom Studium der Physik wechselte Julijan Borstnik an die Klasse für Skulptur an der Akademie der Bildenden Künste von Laibach. Für seine jüngste Arbeit, in der er Kartonfiguren gegen den Kapitalismus ins Feld schickte, erhielt er den Essl Award.
Selbst entworfene Maschinen und Tonskulpturen, Animationsfilme und umfangreiche Installationen aus Karton. Julijan Borstnik lässt sich nicht auf ein Medium festlegen: "Ich habe zuerst die Idee, die ich ausdrücken möchte, und suche mir dann das Medium, das meine Idee am einfachsten zum Ausdruck bringt. Um eine möglichst große Bandbreite an Medien zur Verfügung zu haben, versuche ich mich in ganz unterschiedlichen Bereichen fortzubilden und besuche regelmäßig Kurse. In den letzten Jahren habe ich etwa Workshops für Bildhauerei, Fotografie, Videoschnitt und Animationsfilm belegt."

Julijan Borstnik
Dabei kam Borstnik Entscheidung, Kunst zu studieren, erst spät: "Ich habe nach meiner Matura 1996 begonnen, Physik zu studieren. Das Studium war mir aber zu schnell und zu oberflächlich. Es ging nur darum, bei den Prüfungen die Vorlesungen wortgetreu wiederzugeben, wozu ich nicht bereit war. Ich habe dann auch fünf Jahre gebraucht, um die Prüfungen von drei Jahren fertig zu bekommen. Deshalb habe ich mein Physikstudium abgebrochen. Zwei Vorteile für meine Arbeit als Künstler hat es aber doch gehabt: Durch die Physik habe ich zu einer sehr systematischen Denkweise gefunden. Und ich bin im Stande, praktische technische Probleme zu lösen.

Es ist eine ewige Kreisbahn, auf der sich Borstniks "Walze des Kapitalismus" bewegt.
Julijan Borstnik scheint den Dress-Code der 1968er-Generation adaptiert zu haben. Ungekämmtes Haar, ein wilder Vollbart, ein ausgewaschenes T-Shirt und Sandalen. Zusammen mit dem Dress-Code hat er auch die kapitalismuskritische Haltung der Hippie-Generation übernommen, die er zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeit gemacht hat.
Den Vorwurf des Anachronismus lässt er dabei nicht gelten: "Der Kapitalismus existiert noch immer, und was noch schlimmer ist, er wird immer faschistischer. Also brauchen wir mehr Kritik, nicht weniger. Ich kümmere mich nicht darum, wenn jemand sagt, dass das ein alter Hut sei. Es gibt den Kapitalismus, also müssen wir ihn kritisieren."

Der Konsumdrache jagt ein Angestelltenheer vor sich her.
In seiner Arbeit "The Roller of Capitalism", einer umfangreichen Installation aus Karton, sind zwei Walzen zu sehen, die eine gesichtslose Masse zu zermalmen drohen. Im Inneren jagt ein drachenartiges Ungeheuer eine Angestelltenarmee. Wie in Hamsterrädern scheinen sie zu laufen und so die Walzen fortzubewegen.
"Ich habe versucht, verschiedene Fakten aus unserem Alltag auf neue Art und Weise zu arrangieren, um dadurch neue Einsichten in das System zu bieten, in dem wir leben. In der Gesellschaft verbreiten sich bestimmte Muster oder Strukturen auf brutale Weise. Die gesellschaftliche Atmosphäre wird durch sie einengend und stumpfsinnig. Aber paradoxerweise nimmt sie keiner wahr."

Eine dichte Phalanx gleichgeschalteter Bürohengste hält die Walze in Bewegung.
Dabei war Julijan Borstnik sehr wohl bewusst, dass er seine "Sprache" der Sprache der Medien und Werbung anpassen musste: "Ich muss einen sehr leichten, bildhaften Weg der Darstellung finden. Um Schritt zu halten mit der Informationskultur, die uns umgibt. Informationen sind heutzutage hauptsächlich visueller Natur und die Zeit, die zur Rezeption bleibt, gewöhnlich sehr kurz. Wenn ich den Betrachter erreichen will, bleibt mir also nur sehr wenig Zeit, um ihm die komplexen Sachverhalte, die mir am Herzen liegen, mitzuteilen."
Text: Wolfgang Popp · 21.09.2005
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