Literaturkritik zwischen Wissenschaft und Leseerlebnis
Viel ist immer wieder zu lesen über das Wesen der Literaturkritik im Allgemeinen und ihre Funktion und Position im Speziellen. Vor allem die Kritiker selbst werden nicht müde zu betonen, welch' wichtigem, notwendigem und seriösem Gewerbe sie nachgehen.
Hat man je erlebt, dass Ärzte, Rechtsanwälte, Bankbeamte oder Tramwayfahrer, ja selbst Versicherungsagenten oder Straßenkehrer es nötig hätten, die Nützlichkeit und gesellschaftlich wichtige Funktion ihres Tuns zu erklären? Natürlich nicht. Anders bei der Literaturkritik, die ihren besonderen Sinn, nämlich die Produktion von Sinn, wieder und wieder hervorhebt. Was aber allzu oft und laut verkündet wird, mit dem ist oft etwas faul, wie uns die Erfahrung lehrt.
Und tatsächlich ist Literaturkritik ein a priori sinnloses und unseriöses, weil nämlich, genau besehen, unmögliches Unterfangen. Wie sich sofort zeigen lässt.

Vor allem die Kritiker selbst werden nicht müde zu betonen, welch wichtigem, notwendigem und seriösem Gewerbe sie nachgehen.
Zunächst einmal sitzt die Literaturkritik zwischen den Stühlen: zwischen dem der Literaturwissenschaft einerseits und dem des Leseerlebnisses andererseits - jenen beiden Polen also, zwischen denen sie, so ihr Programm, vermitteln will.
Die Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit allem, was sich an Literatur wissenschaftlich, also halbwegs objektiv ("reproduzierbar") fassen lässt: Da werden Beistriche und Doppelpunkte gezählt, die relativen Häufigkeiten von Haupt- und Zeitwörtern erfasst, die durchschnittlichen Längen von Nebensätzen ausgemittelt, und der Gebrauch spezifischer Worte durch den Autor der Analyse unterzogen, und dergleichen mehr.
Diesen akribischen Studien verdanken wir erhellende Erkenntnisse. Ein Beispiel für viele: Goethe etwa benutzte in seinem Gesamtwerk alles in allem 20.000 verschiedene Wörter. Shakespeare hingegen (in seinem quantitativ viel kleineren Oeuvre!) kommt auf gezählte 50.000. Man führt dies übrigens auf generelle Eigenheiten der deutschen Sprache zurück, nicht auf Goethes Ausdrucksarmut.
Das alles ist sehr angemessen und durchaus reich an Weisheit, aber natürlich nicht abendfüllend. Ihm steht ja das Leseerlebnis gegenüber, das geprägt ist von Eindrücken wie Erhabenheit und Perfektion, von Gefühlen der seelischen Übereinstimmung, von Sinn, Sinnfindung und Sinngebung, von Wahrheit, Schönheit und Größe. Damit kann sich die Literaturwissenschaft nicht beschäftigen, handelt es sich doch um Dinge, die offenbar erstens emotionalen und zweitens subjektiven Charakter haben.
Genau das tut indes die Literaturkritik. Sie gibt vor, etwas zu erklären, was sich nicht erklären lässt, und schon gar nicht gültig und intellektuell seriös, wie sie frech behauptet. Hier ist nicht der Ort und nicht der Platz, auf Immanuel Kants Analyse des ästhetischen Urteils (in seiner umfassenden Kritik der Urteilskraft) näher einzugehen. Zusammengefasst: Der Philosoph führt einen "intersubjektiven Anspruch" ein, um dieses menschliche Bedürfnis zu begreifen, beharrlich über Dinge reden zu wollen, über die man nicht reden kann. Und von denen wir sogar wissen, dass man darüber nicht reden kann.
Doch auch, wenn man Kant folgt, und dann erst recht, ist klar: Literaturkritik stellt ein unmögliches Unterfangen dar. Ihre Behauptung, uns etwas über Literatur erklären zu wollen - und vor allem zu können - ist nicht haltbar.
Und mehr noch: Die Literaturkritik versucht ja immer wieder, sich auf die Literaturwissenschaft zu berufen, um ihren "Rezensionen", die nichts klären und nicht einmal etwas sagen, ein Mäntelchen von Ansehen und Wahrhaftigkeit umzuhängen. Sie behauptet, so etwas wie die populärwissenschaftliche Variante der Literaturwissenschaft darzustellen; das akademisch Komplizierte dem "gewöhnlichen" Konsumenten näher zu bringen. Das ist nicht nur eine Verunglimpfung sowohl der Wissenschaft als auch der Leser, sondern sogar bewusst betrügerisch.
Resümee: Hütet Euch vor allen, die Euch die Literatur erklären wollen! Sie sind Gauner!
Text: Thomas Schaller · 16.09.2005