Wie Worte riechen - Teil 1
Taschenbuch, praktisches, albernes
Das Meer ist versalzen, die Leute pokern lieber als nachzudenken, beim Konsum kann man Autos kaufen und im Taschengeschäft gleich das passende Taschenbuch. Ein Albtraum ist Wirklichkeit. Der Duft der Seiten ist zu des Praktikers Füßen gestrandet.
8. April 2017, 21:58
Kurz vor dem Einschlafen ist das Verhalten meiner Tochter bis auf Trieb und Umtrieb skelettiert. In der Küche wird Risotto nachgesalzen, weil der WG-Koch kein Salz verträgt. In der Wohnung nebenan hat eine Frau sich zu politisch inkorrektem Sex zwingen lassen. Wenn ich die Wahl hätte, ginge ich einfach schlafen. In der Gedankenkommission sitzen Kreisky, Frankl, Lorenz und pokern. Ich würde gerne jeglichen Konsum einstellen, aber wer baut mir ein Auto, so knapp vor dem Einschlafen?
Was einen nicht alles beschäftigen kann! Dazu kommen dann noch die Bücher. Oft ist es mir ja lieber, daran zu riechen. Ich kenne mittlerweile ein starkes Dutzend sich stark von einander unterscheidender Geruchskategorien. Gegenwärtig lese ich in einem trocken-mildstaubig-altersherb-frischen. Buch. Es ist ...
... selbstverständlich gebunden, denn ich bin gegen Taschenbücher, denn auch echte Bücher passen in die Tasche, denn zu kleine Taschen sind nicht nur postspießig, sondern vor allem literaturfeindlich, denn wer ausschließt, mehr als ein Taschenbuch mit sich zu tragen, muss schon das zweite in der Hand tragen, und das ist wieder nicht nur postspießig, sondern vor allem albern, weil es albern ist, mit Büchern anzugeben, weil nur mit albernen Büchern angegeben werden kann und weil nur alberne Leute sich von Büchern beeindrucken lassen, von albernen Taschenbüchern. Alberne Leute kaufen Wurst, wenn sie billig ist, und tragen kleine Bücher in kleinen Taschen - mit denen sie wieder nur angeben wollen, nicht weil sie praktisch sind.
Was soll "praktisch" überhaupt heißen? Ich sehne den Tag herbei, da das Unwort "praktisch" aus den Wörterbüchern gestrichen wird! "Praktisch", das ist der neue Faschismus der von Urbanität Überforderten. Praktisch ist ein Hosenknopf - und GPS. Praktisch ist ein Kochlöffel - und die Handgranate! Praktisch ist ein funktionierender Sinn für Ästhetik - und das Taschenbuch. Wir leben in einer Diktatur der globalen Pfadfinder, der digitalen, banalen Taschenbuch-Angeber.
Wenn ein Buch nicht in das Taschending passt, dann nehme ich halt ein anderes - Taschending, nicht Buch! Wenn ich nur dieses Taschending habe, trage ich eben - in Herrgotts Namen - das Buch in der Hand! Und wenn mir dann einer blöd kommt wegen meines Buchs, werfe ich es ihm an den Kopf und belehre ihn ordentlich. "Dies ist, ich glaube, der dritte Roman eines amerikanischen Psychoanalytikers, dessen Namen wir jetzt einmal gemeinsam aussprechen wollen ..." Mein Gegenüber kann dann nicht Englisch, wir grüßen uns zum Abschied.
"Die Schopenhauer-Kur" heißt es. "Die Schopenhauer-Kur". Die hätte ich auch nötig, allerdings nur, weil ich mir die Welt nicht erklären kann - nicht wegen Sexsucht, an der eine zentrale Figur mit meinem Vornamen in dem Roman früher litt. In meinem alle fünf Jahre stattfindenden Lesezirkeltreffen ergab sich jüngst folgende Szene: Paul sagt, dass er noch nie ... glauben Sie mir kein Wort.
Das Schwierigste am Schreiben eines Textes ist der Schluss. Seit ich das weiß, lese ich bei Büchern den Schluss nicht mehr. Ich höre vor der letzten Seite zu lesen auf. Denn ich weiß, dass noch nie jemandem ein richtiger Schluss eingefallen ist. ... Du heiliges Elend!
Buch-Tipp
Irvin D. Yalom, "Die Schopenhauer-Kur", übersetzt von Almuth Carstens, btb Verlag, ISBN 3442751268
