Wenn ein Autor gute Figur machen will
Nichts über das Verhältnis zwischen Autor und Verlagsapparat, in der Herstellungsphase eines Buches. Und nichts über Buch und Markt, nach dem Erscheinen des Werkes. Heute interessiert den Kolumnisten lediglich: Wie viel kosten Meisterwerke?
Wenn ein Autor gute Figur machen will, darf er nicht auf die Kosten achten. Will heißen, Meisterwerke haben ihren Preis. Denken wir nur an Leopold Bloom. Welche Kosten musste der aufwenden, um diesen verflixten 16. Juni 1904 in Dublin zu überstehen!

Hemingways Martinis in Harry's Bar kamen ihn ganz schön teuer.
Wesentlich günstiger lief die Sache bei Ernest Hemingway. "Wem die Stunde schlägt" war vergleichsweise billig: Reise durch Spanien als blinder Passagier im Güterwaggon, Unterkunft und Verpflegung gratis bei den Republikanern. Das Mädchen im Schlafsack ersparte den Besuch im Stundenhotel. So billig kam der trinkfeste Ernest nicht immer zum Erfolg. Man bedenke nur, was ein einziger Martini in Harry's Bar kostet, die in "Über den Fluss und in die Wälder" reichlich gekippt werden.
Spartanisch legte es Cesare Pavese an. Ein paar Lire für ein Glas Wein in den Hügeln und basta. Nur in "Die einsamen Frauen" gibt es ein paar Unkosten für Cafés und Restaurants. Gar nicht kostspielig war auch Daniel Defoes "Robinson Crusoe". Nur das Schiffsticket ist zu berechnen. Auf der Insel ergab sich alles aus gefundenem Material.
Dagegen war Thomas Manns "Zauberberg" wahrlich kein Scherz. Allein die Sanatoriumskosten! Ganz zu schweigen vom "Tod in Venedig": Zimmer mit Bad am Lido waren und sind nicht billig. Außerdem gab ein Herr von Aschenbach zu jener Zeit, der Schicklichkeit willen, allein für Trinkgelder, Gondeln und Vuitton-Koffer Summen in Höhe mittlerer Lottogewinne aus.
Man könnte noch weitere Beispiele anführen, doch es genügt, um zu erkennen, dass man eine Menge entdecken kann, wenn man eine gute und nüchterne Logik auf die kreativen Werke anwendet. Vielleicht kommt man so auch den Gründen näher, warum Leser so viel Gefallen am künstlichen Spiel der Literatur finden. Natürlich genügt es nicht, um Erfolg zu haben, möglichst viel auszugeben und möglichst viel Rekonstruiertes zusammenzubringen.
Ich, wenn ich mir die abschließende Bemerkung erlauben darf, halte es ohnehin mit Autoren wie dem lateinamerikanischen Eigenbrötler Juan Carlos Onetti. Der lässt seinen Protagonisten durch eine Einzimmerwohnung stapfen und von Zeit zu Zeit angeekelt an seinen Schweißhöhlen schnüffeln. Unkosten: Null. Der Roman heißt übrigens "Der Schacht".
Text: Robert Weichinger · 26.08.2005