Dankschreiben an einen literarischen Vater
Wenn Jugendliche keine Begabung zum Computer- noch zum Fußballspielen aufweisen, kann es sein, dass das Interesse wo anders liegt. Sollte in diese Zeit der Suche eine Folge von Krista Fleischmanns Bernhard-Porträts fallen, liegt es eben auf dem Wort.
Auf dem Tisch von Kollegen D. lag ein Buch. Die Gespräche, die Krista Fleischmann mit Thomas Bernhard auf Mallorca geführt hat. Im Vorwort sagt sie, dass sie nichts sagen will über ihre persönliche Beziehung zu ihm. Nur, dass er so etwas wie angetan war von ihrer Art zu berichten über ihn. Und dass er sich ausdrücklich erbeten habe, sie als Interviewerin zu haben und nicht ein ganzes Filmteam von sonst woher. Und dann unterhielten sie sich. Ich habe die Bilder dazu im Kopf. Die Fernsehporträts waren mein erster Kontakt mit Thomas Bernhard und mit Literatur überhaupt. Davor hatte ich genau ein Buch gelesen, Henri Charrières "Papillon". Und Pumuckl. Und Geistergeschichten. Und die Kinderbücher. Sind auch Bücher.

Hatschi Bratschis Luftballon, Bravo Kasperl, Das kleine Ich bin ich, Das große Wilhelm-Busch-Album. Und dann die Fernsehporträts. Und gleich darauf also die "Auslöschung".
"Auslöschung - Ein Zerfall". Im Gegenteil, es zerfiel nichts, sondern es entstand ein Begriff für Literatur. Aus seinen Konstruktionen von Worten, die allesamt gegen etwas gerichtet waren, gegen die Herkunft, die Eltern, die Dumpfheit dort und seine ererbten Zwänge da, wurden zunächst pubertäre Imitationen, Schularbeiten im Geiste Bernhards, wofür sich nicht mehr zu schämen man offenbar 28 werden muss, Mimikry auf Literarisch, peinlich.
Doch die Worte hatten Nachkommen und dann Enkel, und ich wollte nur sagen, dass ich Dir dankbar bin, Thomas. Auch wenn Du Unerhörtes über Frauen sagst, auch wenn Du im Grunde ein konservativer Kotzbrocken bist, aber immer eben einer mit gewaltigen Widersprüchen. Deshalb hab ich Dich gleich gemocht; deshalb mag ich auch den Herrn Georg Büchner und den Herren Robert Walser und Franz Kafka und Raymond Carver, H. C. Artmann, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, Gottfried Benn und Heinrich Böll, Kurt Schwitters, Paul Celan und Ingeborg Bachmann, Nikolaus Scheibner, Fritz Widhalm und Ilse Kilic, vor allem Knut Hamsun, die ganze Mischpoche, nur wegen Dir, weil Du der Erste warst und nicht ein Hesse oder ein Thomas Mann oder ein Theodor Fontane, die mich alle eigentlich heute noch nerven mit ihren Strudelteigen aus Gescheitheit.
Was Du mit Krista Fleischmann hattest, ist nebensächlich, ja unbedeutend, Du bist ja sowieso, wie einer Deiner erlauchten Biografen später motzte, ein "asexueller Erotomane", also völlig ungefährlich für Frauen, im Grunde. Oder irre ich? Waren die Interviews bloß eine Begleiterscheinung von etwas - Amourösem? Es hat doch einer der Erlauchten behauptet, Du seiest homosexuell gewesen, in "Holzfällen" sei das deutlich geworden, und überhaupt - das stimmt doch auch wieder nicht, oder? Was war zwischen Euch?
Egal, es ging um den Literaturbegriff, den ich Dir zu verdanken habe, und selbst wenn ich heute für die Literaturzeitschrift Texte annehme und ablehne, hat es mit Deiner Gabe zu tun, dem Unwichtigen das Vermeintliche zu nehmen und die Form über den Inhalt zu bringen, ja, den Inhalt auszulöschen mit der Form und selbst den Begriff des Inhalts auszulöschen, weil die Form sich der Begrifflichkeit, mit der die Erlauchten so gerne operieren, der "Wiederholung", der "Melodie", dem "Musikalischen", komplett entzieht und gerade dadurch ein absolut verlässlicher Ausgangspunkt ist, von dem aus all das kluge Schattenboxen der Kritik - "nichtig und lächerlich" ist. Danke, Du kannst jetzt weiterschlafen.
13.08.2005