Standort: oe1.ORF.at

Kultur
Literatur

Bücher "zur Hand"

Vom Nutzen und Frommen dero Handbücher

Schon der Gattungsname ist (meist) eine Irreführung: Ein Handbuch kann durchaus viel größer sein als eine Hand! Und nicht immer ist Nützliches darin zu finden. Manchmal suggerieren diese Handbücher sogar Tätigkeiten besonderer Art.

Ich habe viele Handbücher. Ich liebe Handbücher. Und aus dieser Position heraus, der emotionalen nämlich, steht mir zu, Ihnen zu verraten, dass ein Handbuch Ratgeberqualitäten hat, ist frommer Aberglaube.

(c) ORF, Meinhart

Der Name führt in die Irre: Ein Handbuch kann durchaus viel größer sein als eine Hand!

Bestes Beispiel: die Gartenhandbücher. Sie sind doch nicht im Ernst geneigt zu glauben, was da drin geschrieben steht! Da raten die einen doch tatsächlich, man solle, wenn man die Nacktschnecken aus seinem Garten draußen haben will, bedenken, dass auch Schnecken einen Platz zum Leben brauchen und ihnen daher in einer neutralen Ecke einen möglichst attraktiven Tummelplatz einrichten, aber sie verraten nicht, wie die Schnecken merken sollen, welche Ecke für sie reserviert ist. Es steht nirgends, wie man diesen kleinen Rackern klarmacht: Hier nicht, Freunde, aber dort drüben! Rübertragen? Eine Schleimspur anlegen? Verschiedenfarbige Glaskugeln aufstellen in der Art grüne Kugel, Schneckenmugel, violette Kugel: O Schreck, Schneck: weg!?

Ich war schon so weit, dass ich es mit Suggestion versuchte: Hier nicht, dort drüben, hier nicht, dort drüben... Ein Schneckenmantra. Merken Sie was? Ich habe schließlich zu der Methode gegriffen, die meine Lieblingsnachbarin Zeit ihres gärtnerischen Lebens pflegt. Aber meinen Sie, das stünde auch nur andeutungsweise in einem einzigen meiner vielen Handbücher?

Zitate für jedermann und jedefrau

Oder diese Zitatenhandbücher. Was es da alles gibt. Zitate für den Mann, Zitate gegen den Diätwahn, Zitate für jede Gelegenheit. Auffallend ist nur: Das passende Zitat, genau das, das dem Text den letzten Hauch humanistischer Bildung verpasst, findet sich nie. Oder erst dann, wenn es zu spät ist.

Ein besonderer Fall: die Gesundheitshandbücher. Was habe ich von einem wahnsinnig toll aufgemachten Handbuch der Homöopathie, das mir sofortige Hilfe bei so genannten Frauenbeschwerden verspricht, wenn ich vorher erst im Regenwald eine frische Wurzel ausgraben muss? Da hilft mir die tolle Aufmachung (Foto der Pflanze, Foto der Wurzel, Foto des Grabungsgeräts, Foto der im Blattwerk wohnenden Giftschlange samt Foto der gegen das Gift wirkenden Blätter, die man zerkaut auf den Biss legen muss samt grobem Plan, wo die eine wie die andere Pflanze zu finden ist) wenig! Aber gut zu wissen, welchen Gefahren man sich nicht aussetzt, wenn man herkömmliche Tropfen oder Tabletten einwirft!

Wie ich alles und jeden verstehe
Aber die Spitze der unnützen Handbücher: die "Versteher-Bücher". Diese Machwerke versprechen doch tatsächlich, dass man mittels Lesens derselben sich in der Welt der Gemeinheiten besser zurecht findet! Obwohl: Man muss klar unterscheiden zwischen den Selbst-Versteher-Helfern vom Typ "Was ich tun muss, damit ich nicht jeden Morgen schreiend vor meinem Spiegelbild davonlaufe" und den Andere-Versteher-Helfern vom Typ "Wie kommt es, dass der Typ, den ich gestern abschleppen wollte, sich schon wieder so unmöglich aufgeführt hat wie der von vorgestern".

Die schwarzen Perlen unter den Ratgebern
Bei den Letzteren gibt es mitunter echte Perlen. Den "Sex-Survival-Guide für Frauen" etwa. Zwar kann man schon erraten, was drin steht, nämlich, dass die beste Lösung für alle Situationen mit einem ganz kurzen Wort zusammengefasst werden kann, das mit einem S beginnt und mit einem X endet. Aber die Argumente! Warum zum Beispiel ein Kater am Besten nicht mit Spazierengehen oder Zitronen-Kaffee oder Rollmops, sondern mit XY zu vertreiben ist. Und wie man diese Erkenntnis an seinem Partner verwirklicht beziehungsweise verhindert!

Aber das wirklich beste und neueste Buch der Art Andere-Versteher-Helfer ist "Zickenterror. Was Männer über Frauen denken". Tatsächlich, das gibt's! Und es hat sogar 235 Seiten! Und es ist kein Hilferuf der Art "Wie kommt es, dass diese geile Tussi, die ich gestern abschleppen wollte, sich schon wieder so zickig aufgeführt hat wie die von vorgestern". Zumindest nicht wirklich.

Mit-Frauen: Die denken wirklich über uns nach! Nun gut, einer dachte, die andern dürfen jetzt lesen, was sie zu denken haben. Aber - und das ist für Euch Männer der Haken an diesem Buch -: Wir auch! Und jetzt, Männer, Obacht! Wir kennen Eure geheimsten Gedanken. Wir können Euch jetzt noch besser austricksen. Wir werden Euch hegen wie Märchenprinzen aus Zucker, Euch Schneekristalle mit unserm heißen Atem ... ähhh, die Schneekristalle von Eurem Dreitagebart ... küssen. Und Euch die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Mit den Nacktschnecken geben wir uns ja auch Mühe!

05.08.2005

Buch-Tipps
Daniel Wiechmann, "Zickenterror. Was Männer über Frauen denken", Knaur Verlag, ISBN 3426629623
Martina Wimmer, "Der Bettseller. Sex-Survival-Guide für Frauen", Econ & List Verlag, ISBN 3612266403

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick