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Talentebörse: Kunst

Ondrej Brody, Performance & Video

Der Künstler als Nomade

Von Prag nach Südamerika und retour: Ondrej Brody, tschechischer Performance- und Videokünstler reist mit offenen Augen durch die Welt und reagiert kompromisslos auf überkommene Machtstrukturen. Was ihm den Anerkennungspreis beim Essl Award einbrachte.

"Das Unterwegssein ist mir sehr angenehm. Die Wahrnehmung ist an fremden Orten sensibler. Ich mag es, die Verhältnisse genau zu beobachten, Machtstrukturen aufzudecken und anschließend mit Interventionen auf diese zu reagieren. Insofern betrachte ich mich auch nicht als Videokünstler, weil Video nur das Medium ist, mit dem ich diese Aktionen festhalte", stellt Ondrej Brody, tschechischer Performance- und Videokünstler, fest.

(c) Brody

Ondrej Brody

Zeitweise dokumentiert Brody damit aber auch seine auf Reisen gemachten Entdeckungen. In rauer, ungekünstelter Ästhetik kommt sein gerade mal einminütiges Video "Besuch einer Moschee in Berlin Tempelhof" daher: Nur ein achtloser, verwackelter Schwenk die Außenfassade hinauf, dann ist schon der Vorraum mit den Regalen zu sehen, in denen die muslimischen Gläubigen ihre Schuhe aufbewahren. Die filmt er ab, langsam genug, dass den Zusehern ganz automatisch Bilder zu den Trägern im Kopf entstehen. Bis der Schwenk schließlich auf einem Paar amerikanischer Cowboystiefel endet und man in der Vorstellung plötzlich kein Gesicht mehr zu diesen Schuhen findet. Brody erzeugt hier ein Überraschungsmoment, das vor Augen führt, wie sehr das eigene Denken ganz unwillkürlich von den durch Politik und Medien im Gefolge des 11. September eingeimpften Gegensätzen bestimmt ist.

Brodys Überraschungsmoment

Zeitweise dokumentiert Brody damit aber auch seine auf Reisen gemachten Entdeckungen. In rauer, ungekünstelter Ästhetik kommt sein gerade mal einminütiges Video "Besuch einer Moschee in Berlin Tempelhof" daher:

Nur ein achtloser, verwackelter Schwenk die Außenfassade hinauf, dann ist schon der Vorraum mit den Regalen zu sehen, in denen die muslimischen Gläubigen ihre Schuhe aufbewahren. Die filmt er ab, langsam genug, dass den Zusehern ganz automatisch Bilder zu den Trägern im Kopf entstehen. Bis der Schwenk schließlich auf einem Paar amerikanischer Cowboystiefel endet und man in der Vorstellung plötzlich kein Gesicht mehr zu diesen Schuhen findet. Brody erzeugt hier ein Überraschungsmoment, das vor Augen führt, wie sehr das eigene Denken ganz unwillkürlich von den durch Politik und Medien im Gefolge des 11. September eingeimpften Gegensätzen bestimmt ist.

(c) Brody

"Mosque": Die amerikanischen Cowboystiefel in der Moschee - Ondrej Brody schafft Überraschungsmomente, die zum Denken anregen.

Prag - Ecuador - Kuba - Prag - Berlin

1980 in Prag geboren, verbrachte Brody Kindheit und Jugend in Ecuador. Sein Kunststudium begann er in Kuba, blieb dort aber nur ein Jahr, bevor er 2000 zurück nach Prag ging. Heute teilt er sich seine Zeit zwischen Prag und Berlin auf.

Vielleicht ist es die lange Zeit im Ausland, die ihn die Missstände in der eigenen Heimat so kompromisslos wahrnehmen lassen: "Wer zu lange an einem Ort ist, gewöhnt sich an einiges. Auch an die Dinge, an die man sich nicht gewöhnen sollte."

Eine gezielt vulgäre Aktion

Nicht gewöhnen wollte sich Brody an die restriktive Sammlungs- und Ausstellungspolitik der Prager Nationalgalerie und reagierte gemeinsam mit vier Freunden: "Wir haben wie ganz normale Besucher Eintrittskarten gelöst und sind dann in den Saal gegangen, in dem die tschechoslowakische Kunst der 1960er Jahre ausgestellt wird. Dort haben wir unsere Exkremente hinterlassen, uns gesäubert und anschließend die Galerie wieder verlassen." Dokumentiert wurde die Aktion im Video "Ohne Titel":

"Natürlich hatte die Aktion etwas überaus Vulgäres und übertrat alle Grenzen des guten Geschmacks. Aber war sie tatsächlich gröber und fahrlässiger als die Haltung der Nationalgalerie, die sich einfach gegenüber gewissen Kunstrichtungen versperrt? Ihr gegenwärtiger Zustand zwang uns, auch generell über Museen und ihre Funktion innerhalb der Gesellschaft nachzudenken."

(c) Brody

"Untitled": Ist das offensichtlich Vulgäre schlimmer als das Vulgäre, das sich den Anschein der Seriosität gibt, fragt Ondrej Brody.

Kunstmarkt-Problematik der Neuen

Ein generelles Problem der neuen EU-Staaten scheint der erst langsam im Entstehen begriffene Kunstmarkt zu sein:

"Wenn ich mir ansehe, wie viele Galerien es in Berlin gibt, ist der Zustand in Prag wirklich traurig: Hier existiert gerade mal eine, die sich um junge unabhängige Kunst kümmert. Das mangelnde Bewusstsein für Gegenwartskunst ist aber nicht nur in der Gesellschaft spürbar. Auch der Staat unterstützt junge Künstler überhaupt nicht."

Erweiterter Horizont

Umso wichtiger ist der Blick über die Grenzen. Als es galt, tschechische Kunst in Berlin zu präsentieren, ist Ondrej Brody deshalb in die Rolle des Kurators geschlüpft, der auch über das Verhältnis der verschiedenen Kunstszenen nachdenkt:

"Es gibt nicht mehr den großen Unterschied zur westlichen Kunst. Internet, die Verfügbarkeit aller internationaler Publikationen, Reisen, das alles hat es mit sich gebracht, dass die Inhalte überall auf der Welt sehr ähnlich sind. Von typisch tschechischer Kunst lässt sich da nicht mehr sprechen. Vielleicht zeichnet uns noch eine besondere Haltung aus: Wir gehen sehr spielerisch an unsere Themen heran."

Text: Wolfgang Popp · 13.07.2005

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