In memoriam Franz Rieger

Er galt als Außenseiter der Literaturszene, liebte die Abgeschiedenheit, war ungern im Mittelpunkt und arbeitete in aller Stille bescheiden und zurückgezogen an seinen zahlreich ausgezeichneten Romanen. Dieser Tage verstarb er 82-jährig.

Franz Rieger über seine Liebe zur Einsamkeit

Als "Stiller im Land", als "literarischer Einzelgänger", als "scheuer Sonderling" wird Franz Rieger mitunter beschrieben; als einer der konsequent und in aller Zurückgezogenheit an seinen Texten arbeitete. Durch seinen Tod vor wenigen Tagen im Alter von 82 Jahren verliert Österreich einen seiner ganz großen Schriftsteller.

Leben ist Einsamkeit

"Man muss sich verbergen, ganz klein machen, um entdeckt zu werden", heißt es in einem Text des Schwerizer Autors Robert Walser. Und dieses Verbergen, diese Art Versteckspiel war eine der Eigenheiten im Leben des 1923 in Riedau in Oberösterreich geborenen Schriftstellers.

Franz Rieger gab nicht gerne Interviews, war keiner, der gern in der Öffentlichkeit stand, der sich lautstark am literarischen Jahrmarkt bemerkbar machte. Das Gespräch für die "Menschenbilder", das er vor zwölf Jahren gab, war da eine der seltenen Ausnahmen.

Angesprochen auf seinen Lebensphilosophie zitierte er gerne Hermann Hesse: "Seltsam im Nebel zu wandern, Leben ist Einsamkeit, keiner kennt den anderen, jeder ist allein..."

Seine Hauptthemen

Franz Rieger galt als Außenseiter der Literaturszene. Er liebte die Abgeschiedenheit. Zum Schreiben hatte er sich in sein Haus in Oberösterreich - inmitten weit gestreckter Felder - zurückgezogen, im Winter sah man ihn dort oft mit Langlaufskiern seine Spuren ziehen.

Der Krieg und seine Folgen und Landschaftsbeschreibungen zogen sich konstant durch seine zahlreichen Romane, Hörspiele und lyrischen Gedichte. Zu den bekanntesten Büchern zählt sein Roman "Schattenschweigen oder Hartheim". Darin griff Rieger schon früh ein tabuisiertes Thema auf: Das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Mit diesem Werk - so der oberösterreiche Landeshauptmann Josef Pühringer - hat Rieger eines der wichtigsten politischen Bücher der zeitgenössischen Literatur geschrieben.

Mikrogramme mit dünner Feder

Als ein vom Schreiben Besessener wird er in so manchen Berichten dargestellt. Seine Manuskripte schrieb er mit der Hand - mit einer dünnen Feder, auf den ersten Blick ohne Lupe und Vergrößerungsglas gar nicht lesbar. Sechs handgeschriebene Zeilen ergaben bereits eine Buchseite; ein ganzer Roman fand auf elf eng beschriebenen Manuskriptseiten Platz.

Dieses Hineinkriechen in die Buchstaben, in die Schrift, dieses Kleinschreiben kommentierte er mit den Worten: "Es ist mir ein Bedürfnis, so klein und eng zu schreiben. Ich trage viel Chaos in mir. Um das Chaos zu ordnen, muss man Ordnung halten. Dazu bedarf es einer großen Selbstdisziplin, auch beim Schreiben".

Zu Gehorsam und Ordnung erzogen

Diszilpin lernte er bereits im Bubenalter im Knabeninternat Petrinum in Linz. In seinem Roman "Internat in L." beschreibt er autobiografisch das Schicksal eines Jungen, der plötzlich mit dieser neuen Situation fertig werden muss: "Der Knabe baut sich ein zweites, geheimes, eigenes Leben auf; nur so kann er mit der Ordnung, die er nicht versteht und die ihn dort, wo er sie versteht, nicht zu überzeugen vermag, halbwegs leben. Der Junge gehorcht, nach außen hin - und versucht, sein Innenleben - so gut es geht - zu verbergen".

15-jährig - mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich - kam Franz Rieger nach Passau in ein ehemaliges Jesuiten-Gymnasium. 1941 wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen, 1942 musste er nach Russland an die Front, 1944 geriet er nach schwerer Verwundung in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1951 nach seiner Rückkehr heiratete er; zwei Söhne - Markus und Kajus - kamen zur Welt. Franz Rieger wurde Bibliothekar in der Linzer Volksbücherei, und sein eigenes Schreiben wurde ihm immer wichtiger.

Gegen den Mainstream

Ein beharrliches Weiterschreiben, das sich nicht an Verkaufszahlen und literarischen Modeströmungen orientiert, zieht sich durch alle seine Bücher. Lange Zeit als "Geheimtipp" gehandelt, ist man in den letzten Jahren mehr und mehr auf ihn und sein umfangreiches Werk aufmerksam geworden, was die zahlreichen Auszeichnungen beweisen.

Franz Rieger hat sich ganz dem Schreiben verschrieben, dem Schreiben und dem Gehen, dem Schauen, draußen in der Landschaft. Denn so wie das Erleben, das Beobachten der Landschaft, das Wahrnehmen der kleinsten Veränderung in seinen Büchern aufscheint, so war auch für ihn selbst das Hinausgehen, das Draußen-Sein ungeheuer wichtig:

"Einsame Gegenden und die unendliche Weite sprechen mich unheimlich an. Ich könnte durchaus in der Tundra von Finnland leben", sagte er über seine Liebe zu weiten, endlosen Landschaften. Zum Leben überhaupt meinte er einmal: "Eigentlich ist das Leben ein Elend, aber das Elend ist gut". Dieses "gute Elend" hat er nun überstanden.

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