Sensibilität und komplexe Weltsicht

Marco Antoniazzi, Filmregisseur

Zunächst war er Kamera-Assistent und Cutter: Marco Antoniazzi, Student der Filmakademie Wien bei Peter Patzak. Inzwischen erregen die Arbeiten des Jungregisseurs Aufmerksamkeit. Im April zeigt das "Votivkino" seinen prämierten Film "Das Kettenkarussell".

"Ich habe schon in der Schulzeit begonnen, Filme zu machen, aber ganz trivial mit einer Videokamera und habe sie dann mit zwei VHS-Rekordern zusammengeschnitten. Erst langsam kam das Interesse, weiter zu forschen, was Film eigentlich überhaupt ist. Aber es war nicht so, dass ich immer schon Filmregisseur werden wollte.

Als ich dann nach der Matura an die 'Zelig Schule' in Bozen kam, habe ich erst erfahren, welche Berufsbilder es im Filmbereich gibt. Damals wurde mir bewusst, dass Filmregisseur mein Beruf ist", schildert Marco Antoniazzi, Jahrgang 1972, der an der Wiener Filmakademie bei Peter Patzak Filmregie studierte und 2007 abgeschlossen hat.

Nach der "Zelig Filmschule" arbeitete er zunächst als Kamera-Assistent und als Cutter. Und in dieser Zeit stand für ihn fest, dass selber Filme machen wollte: "Es war mir zuwenig, nur mitzuarbeiten und Ideen anderer umzusetzen. So habe ich mich 1994 an der Filmakademie in Wien beworben - und wurde zum Glück aufgenommen. Ich bin sehr froh, bei Peter Patzak zu studieren. Denn er ist einer, der unterstützt, motiviert und Mut macht auf dieser Suche nach dem eigenen Weg. Aber er gibt keinen Stil vor, engt nicht ein, sondern ist Begleiter", stellt der gebürtige Südtiroler, der voraussichtlich diesen Sommer sein Studium beenden wird, fest.

Diplomfilm "Das Kettenkarussell"

"Bevor ich Geschichten umsetze, begleiten sie mich lange. Offenbar brauche ich lange bis ich begreife, was die Essenz ist", so der nachdenkliche Nachwuchsregisseur.

Als filmische Diplomarbeit verfilmte er 2004 Kurt Lanthalers Geschichte "Das Kettenkarussell". Darin werden die Ereignisse nach einer Weihnachtsfeier in einem Südtiroler Betrieb beschrieben.

"Mich hat interessiert, wie sie sich Verhalten, wie wirken die im Betrieb festgefahrenen Machtstrukturen, wie sind jene im Privatleben, wie verschieben sie sich. Was passiert zwischen diesen Menschen? Das Karussell ist ja ein starkes Bild an sich, das eine Interpretation aufdrängt. Die fünf sind gefangen, sie enden am Karussell, das sich dreht - und sie können nicht herunter", erläutert Antoniazzi.

Affinität zum Neorealismus

Über Vorbilder spricht der junge Regisseur nicht gerne: "Das ändert sich immer wieder. Eine große Referenz ist für mich der italienische Neorealismus. Sein Bezug zur Realität, dass die Geschichten aus der Zeit kommen, die Menschen betreffen und gleichzeitig aber auch berühren, das gefällt mir. Denn das sind die beiden Elemente, die ich zu vereinen versuche."

Zahlreiche Wettbewerbe und Preise

Bis 2005 hat Marco Antoniazzi rund zehn Kurzfilme gedreht. Welche er selbst als die wichtigsten sieht?

"Das waren die letzten, vielleicht, weil sie mir näher sind: 'Das Kettenkarussell', 'Für einen Moment' und 'Max & Mora'. Ich glaube, dass ich viel gelernt habe und nun meine Vorstellungen umzusetzen kann. Die letzten Filme drücken wirklich das aus, was ich wollte", so der junge Regisseur vor vier Jahren.

Mit seinen Arbeiten hat Antoniazzi bereits an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen. Und auch Preise erhalten:

2001 für seinen 13-minütigen Kurzspielfilm "für einen moment" bei der "Circuito Off Short Film International Competition" in Venedig den Publikumspreis, in Mexico gewann er mit dieser Arbeit beim "6. International Festival of Filmschools" den Preis für den besten Experimentalfilm. Und in der damals neuen Kurzfilm-Reihe "CINEMAnext", die im April 2005 im Wiener "Votivkino" stattfand, war Antoniazzi mit "Kettenkarussell" vertreten.

Offene Geschichten, keine Patentrezepte

"Wenn ich einen Film mache, habe ich schon den Anspruch, einen Teil der Welt abzubilden, wie ich sie sehe. Und ich muss gestehen, ich verstehe sie nicht ganz und nicht wirklich - ich verstehe nur Teilaspekte. Ich könnte daher keinen Film machen, der irgendetwas behauptet, also ein Urteil abgibt. Interessant ist für mich, wenn mir ein Teilaspekt der Welt gezeigt wird, den ich bisher so nicht gesehen habe. Als Filmemacher biete ich ein Bild an, wo sich der Zuschauer eine Meinung bilden kann", erläutert Antoniazzi seinen inhaltlichen Zugang.

Ein kostspieliges Medium

Um sein Studium und sein Leben zu finanzieren war Marco Antoniazzi als Student in der Filmbranche tätig: "Es ergeben sich immer wieder Arbeiten wie Aufnahmeleitung, oder derzeit mache ich den Ton bei Dokumentarfilmen. Das sind Jobs, wo man Geld verdient, aber auch in Kontakt mit der Branche ist und sieht, wie andere Regisseure arbeiten."

Denn die Ausbildung an der Filmakademie ist kostspielig: So hat sein 20-minütiger Film "Das Kettenkarussell" rund 40.000 Euro gekostet - obwohl das gesamte Equipment von der Akademie unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde, alle Beteiligten ohne Bezahlung mitwirkten und es Sponsoren gab. "Wir haben die Mittel durch Förderungen aufgestellt, aber teilweise auch persönlich Geld hineingesteckt."

Interesse für Dok- und Spielfilm

Außer an verschiedenen Konzepten arbeitete Antoniazzi zum Zeitpunkt des Ö1 Talentebörse-Gesprächs an der Fertigstellung des Dokumentarfilms "Mystery Shopping", den er zusammen mit Gregor Stadlober machte:

"Das ist sehr spannend, weil wir dieses Instrument, das am Flughafen Wien seit 2004 eingesetzt wird, von Beginn an beobachten konnten." Für die Vermarktung dieses Projekts sorgte die "Mobile Film".

Spielfilm oder Dokumentarfilm - gibt es da Prioritäten für Marco Antoniazzi? "Für mich sind beide Genres gleichwertig, beide interessieren mich. Es sind zwar zwei unterschiedliche Arbeitsweisen, aber ich erreiche mit beiden Arten dasselbe. Der Spielfilm ist schon ein Wunsch und ein Ziel. Aber zur Zeit bin ich noch auf der Suche nach der Geschichte. Und solange die nicht klar in meinem Kopf ist, beginne ich nicht", so der junge Filmregisseur damals.