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Kultur

N.

Wien heute

Partys, Liebe und Projekte. An diesen vagen Säulen einer coolen, urbanen Gesellschaft vorbei, manövriert die Kulturjournalistin Clarissa Stadler ihren männlichen Hauptdarsteller N. Der Tatort des Geschehens ist Wien.

"Mir kommt vor, dass es hinter einem scheinbar materiellen Wohlstand ein großes Unbehagen gibt, ein geistiges und ein politisches Unbehagen. Zwischen Joghurtwerbung und Handyboom ist alles in Ordnung, aber wie schaut's dahinter aus?", fragt sich Clarissa Stadler, die aus einer Generation kommt, die sich immer mit Identitätsfragen auseinandergesetzt hat. Sie hat allerdings den Eindruck, "dass es den jüngeren Leuten nur darum geht, möglichst schnell viel Kohle zu machen, und ich frage mich, wo das hinführt."

(c) ORF, Hummel

Der Tatort des Geschehens ist Wien.

Total angesagt und cool

Auf total wichtigen Partys treibt sich N. mit seinem besten Freund, dem Künstler Paul, herum. In ist, zu wissen, welche Band das berühmtberüchtigte Musikmagazin Spex auf seiner Coverseite gerade featuret. In sind die aus Plastik gefertigten Radfahrertaschen. Hin und wieder trifft N. Xenia. Die Tage gehören ihr, die Nächte sollen seine sein, konstatiert die schemenhafte Rebellin peripher.

Clarissa Stadler gelingt eine minimalistische Bestandsaufnahme einer Szene, deren homogene Biografie in tausend Einzelteile zerfällt. Den inneren Monolog ihres schlüpfrigen Helden zerteilt die Autorin in unzählige Absätze. Dabei bekommt der Leser das Gefühl, sich durch die letzten Jahrzehnte des Fernsehprogramms zu zappen. Über die Themen Umweltschutz, Neokapitalismus, Zivilcourage und Konsumgesellschaft schwingen die Protagonisten Stammtisch-Reden. Revolutionär gebärden sie sich bei kubanischen Drinks.

N. ist müde. Es sind die Gespräche, die mittlerweile jeden Abend ersticken, egal wohin man geht, egal mit wem man redet. Das Unbehagen sitzt wie ein tausendarmiger Polyp an den Küchentischen, in den Wirtshausstuben und an den Bartheken. Anfangs noch mit einem Augenzwinkern in schelmischem Einverständnis vorgetragen. Dann zu einem Lamento angeschwollen. Schließlich als Metastasen im ganzen Gesellschaftskörper verbreitet. Die Krake hat ihre Fangarme ausgefahren. Jetzt holt sie ihre Beute.

Die desperate Generation

Clarissa Stadler will "Eine kleine Utopie", wie das Buch im Untertitel heißt, nicht als Manifest der Wiener Szene verstehen. Ihr geht es um das Politische, um die immer stärker werdenden autoritären Strukturen, die sich in der Gesellschaft herausschälen. Den schleichenden, vorauseilenden Gehorsam, der das Individuum lähmt, sieht die Wiener Journalistin als Motor einer inaktiven, desperaten Generation. N. ist das Produkt davon. Was bleibt, ist ein Vakuum, eine Leere.

"Ich bin sicher, es gibt einfach in jeder Generation ein großes Wutpotenzial", meint Clarissa Stadler. "Es gab früher einfach die Möglichkeit, Unmut in Form von Revolten auszutragen und diese Möglichkeit ist verloren gegangen", findet sie.

Blick hinter die Fassade

In einer lakonisch, lässigen, telegrammstilartigen Sprache ist der jungen Autorin ein präziser Blick unter die glänzende Oberfläche der Konsum- und Wohlstandsgesellschaft gelungen. So mancher Leser wird sich von ihrer raffiniert vorgebrachten Kritik zum Nachdenken anregen lassen. Ein Buch, das gegen die von vielen empfundene "innere Leere" anschreibt; ein Text als Anstoß zur Veränderung. Was will man mehr!

01.03.2005

Buch-Tipp
Clarissa Stadler, "N. Eine kleine Utopie", Droschl-Verlag, ISBN 385420678X

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