Brennpunkt öffentlicher Raum

Barbara Musil, Experimental-Kunst

Von der Heil- zur Experimental-Kunst: Barbara Musil, promovierte Medizinerin, hat diesen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Mit ihrem Projekt "Alert", beim "Prix Ars Electronica 2004" ausgezeichnet, hatte die Studentin der Kunstuni Linz ihren bisher größten Erfolg.

"Schon nach der Matura hatte ich das Gefühl, dass eine künstlerische Laufbahn eigentlich mein Weg wäre. Aber durch eine innere Unsicherheit habe ich mich pragmatisch entschieden und eben doch eine existenzsichernde Ausbildung gemacht. Und auch während des Medizinstudiums habe ich gemerkt, dass es da ein Defizit gab. So habe ich am Ende des Studiums begonnen, künstlerisch zu arbeiten. Ich weiß nun, dass es für mich die artgerechte Lebensform ist", erzählt Barbara Musil, promovierte Medizinerin und Studentin an der Kunstuniversität Linz bei Andrea van der Straaten, die im kommenden Sommer ihr Kunststudium abschließen wird.

Und gibt es eine Symbiose dieser beiden Richtungen? "Es gibt da schon zwei Seelen in meiner Brust, denn ich bin auch ein naturwissenschaftlich orientierter Mensch und interessiere mich auch Interesse für Mathematik und Biologie. Das fließt jetzt auch in meine Arbeit ein", so die gebürtige Salzburgerin, Jahrgang 1972.

Orientierung am öffentlichen Raum

"Was meine Projekte zu einem großen Teil verbindet, ist die Orientierung an einem öffentlichen Raum bzw. an einem die etablierten Kunsträume überschreitenden Ansatz. Ich habe viele Projekte gemacht, die auf der Straße, in der Apotheke, also im alltäglichen Leben, angesiedelt sind. Dort kann nicht nur ein Kunstkonsument, sondern auch jeder Passant der künstlerischen Intervention begegnen. Denn ich kommuniziere gerne mit ganz verschiedenen Menschen", erläutert Musil ihren künstlerischen Zugang.

"Das jeweilige Konzept ist der Startpunkt. Erst danach entscheide ich, mit welchen Medien man das jeweilige Projekt am Besten kommuniziert. Ob es nun ein Foto- oder ein Video-Projekt wird. Ich produziere auch handwerkliche Dinge, Sounds, oder Multimedia-Projekte mit viel Elektronik. Auch von der Technik her bin ich eine Universalistin. Mitunter gebe ich Teilbereiche an andere Leute ab, denn man kann nicht auf jedem Gebiet ein Profi sein."

Anerkennung beim "Prix Ars Electronica 2004"

"Mein bisher größter künstlerischer Erfolg war das Projekt 'Alert', das 2003 im Rahmen des Austauschprogramms "Re:Location", an dem das Linzer 'OK Centrum' mit anderen Kulturzentren Europas beteiligt ist, entstanden ist. Ich wurde dann für ein halbes Jahr als Artist in Residence nach Cluj eingeladen, um ein mit dem Ort interagierendes Projekt zu machen", berichtet Barbara Musil, die dafür im Vorjahr beim "Prix Ars Electronica" mit einer Anerkennung ausgezeichnet wurde.

Der Ausgangspunkt für Musils Arbeit war der markante Geräuschteppich - Sirenen und Alarmanlagen - sowie der hohe Lautpegel der Stadt Cluj. Sie programmierte die Alarmanlagen von zehn Fahrzeugen neu und ersetzte den Alarmton durch Lieder und Texte, die sich mit den Thema "Diebstahl" auseinandersetzen. Als "permatente Intervention" in die Autos eingebaut, hinterließ sie dort eine eigene, akustische Note.

Zahlreiche Ausstellungen und Ankäufe

"Es ist gut, dass es abgesehen von Projektförderungen auch die Möglichkeit gibt, durch Ankäufe etwas zu verdienen, denn das ist im experimentellen Bereich sehr schwierig", sagt Musil. So wurde eine Dokumentation ihres Projekts "PubliCumCity", das Tragtaschen als Repräsentationsobjekt zum Inhalt hatte und mit dem "Kunstraum Goethestraße" entstand, von der Stadt Linz angekauft. Und der Bund erwarb vor zwei Jahren ihr Projekt "Das Portrait".

Zu sehen waren Musils Arbeiten wie "Legedia" im Künstlerhaus Salzburg (2004)), "OXYDAY" bei der Jahresausstellung des Kunstvereins "Prototypen" im Künstlerhaus Salzburg (2003) sowie "Freie Radikale", ebenfalls mit Karolina Szmit entstanden, u.a. beim Trickfilmfestival "Tricky Women" im Wiener "Votivkino" (2002).

Eine Transformation als Diplomarbeit

Mit ihrer Diplomarbeit hat die sportbegeisterte Nachwuchs-Künstlerin bereits begonnen: "Der Arbeitstitel lautet 'Shift expectations'. Es ist ein Projekt über abgelehnte Einreichungen. Das Ergebnis wird eine Video-Installation sein, wo die mich erreichenden Absagbriefe von verschiedenen Figuren aus der Filmgeschichte vorgelesen werden. Und zum Schluss gibt es noch einen Glückwunsch für den weiteren Lebensweg."

"Ich sehe es als Methode, mit diesem Prozess umzugehen. Mein Kontext ist, dass ich diese Absagen in einen Erfolg umwandle - denn für mich ist in diesem Fall jede Absage ein weiterer Schritt zum Diplom. Es ist ein psychologischer Trick, eine Niederlage in einen Erfolg zu verwandeln."

Von der Kunst leben können

Außer an ihrer Diplomarbeit arbeitet Barbara Musil derzeit zusammen mit ihrer Schwester, einer Bühnenbildnerin, an einem Projekt für das diesjährige "Festival der Regionen". Es ist ein Projekt, das sich mit der Kartografie im oberen Mühlviertel beschäftigt.

Und Musils Wünsche für die künstlerische Zukunft? "Am liebsten hätte ich einen Teilzeit-Job im Uni-Bereich, einen Assistenten-Posten, um gleichzeitig an einer Produktion beteiligt zu sein. Mein größter Wunsch ist, dass ich so wie jetzt arbeiten und davon leben kann. Und dass auch die Geschwindigkeit stimmt, das wäre optimal."