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Pisa und die Folgen

Eine vorweihnachtliche Besprechung im Bundeskanzleramt

Weihnachten steht vor der Tür und nicht nur fast jeder Europäer fragt sich, womit er seine Lieben - und auch die unfreiwillig Lieben - beschenken soll. Im Bundeskanzleramt sucht man ebenfalls nach passenden Geschenken, und zwar für die lieben Kollegen.

Bundeskanzler: Hören Sie zu, Herr Kollege, heuer können wir uns nicht mit den üblichen Wein- und Cognacgeschenken behelfen. Heuer muss was Geistiges her. Ich sage nur: Pisa!

Kanzleichef: Ich verstehe... Woran denken Sie?

Bundeskanzler: Fangen wir gleich schwer an. Was schenken wir dem Gusi?

Kanzleichef: Wenn es keine Rotwein-Bouteillen sein dürfen: CDs.

Bundeskanzler: Geistiges, ich sagte Geistvolles!

Kanzleichef: Meinen Sie Bücher?

Bundeskanzler: Bücher, jawohl! Bücher, Bücher, Bücher. Diese Idioten sollen endlich einmal lesen lernen. Pardon, schmökern, meinte ich. Gibt nichts Schöneres, wenn man Zeit hat.

Kanzleichef: Verstehe.

(c) ORF, Meinhart

Bücher, jawohl! Bücher, Bücher, Bücher.

Bundeskanzler: Also?

Kanzleichef (kurz nachdenkend): Vielleicht Balzac?

Bundeskanzler: Hmm, warum nicht, alter Realist, Salonsozi wie der ... lass ma das. Welchen Roman?

Kanzleichef: Kein Roman, ein ganzes Paket. Die Comédie humaine.

Bundeskanzler: Ohh, wie viele Bände, äh, wären das?

Kanzleichef: Gut 40. Zu viel?

Bundeskanzler: Naja. Vielleicht nicht unschlau, ihn so richtig zu beschämen. Pariert er besser. Aber bitte, Herr Kollege, von den Verlagen Kollegenrabatte verlangen, sonst ist das ganze Weihnachtsgeld pfutsch. Und noch eins, geschickt an die Presse spielen, der Kanzler verschenkt heuer nur Bücher, Bücher, verstehen Sie?!

Kanzleichef: Verstehe. Was ist mit dem grünen Professor?

Bundeskanzler (plötzlicher Einfall): Ein Gespenst geht um in Europa. Wir schenken ihm das Kommunistische Manifest, haha!

Kanzleichef: Zu dünn.

Bundeskanzler: Wie bitte?

Kanzleichef: Zu dünn.

Bundeskanzler: Herr Kollege, das war doch ein Scherz. So viel ich weiß, wandert der gern. Gibt's keinen neuen Messner?

Kanzleichef: Es gibt immer einen neuen Messner. Noch besser wäre vielleicht die Geschichte von dem dandyhaften Engländer, der lange vor Hillary den Everest besteigen wollte und dabei umgekommen ist.

Bundeskanzler: Interessant. Ein bekannter Name?

Kanzleichef: Der Professor kennt ihn sicher. Maroni (*), oder so ähnlich.

Bundeskanzler: Können Sie ihm ein Stanitzel gleich dazu einpacken, haha.

Kanzleichef: Von diesem Engländer stammt die berühmt gewordene Antwort auf die Frage, warum er unbedingt auf den Everest hinauf will. Er hat gesagt: Weil er da ist.

Bundeskanzler: Witzig! Sollte ich mir merken. Warum sind Sie Kanzler? Weil das Amt da ist.

Kanzleichef: Weil es frei war.

Bundeskanzler: Haha, noch besser. Läuft ja ausgezeichnet unsere Besprechung. Wer fehlt noch?

Kanzleichef: Der Polit-Partner.

Bundeskanzler: Jetzt wird's zäh.

Kanzleichef: Bekommen beide was, Schwester und Bruder?

Bundeskanzler: Muss wohl sein. Aber bei ihr sparen wir. Fällt ihnen was ein?

Kanzleichef: Es gibt da einen neuen Walser.

Bundeskanzler: Walser. Den kennt man. Vielleicht sogar die Ursula, haha, will nicht bös sein. Worum geht's da?

Kanzleichef: In einer Radio-Besprechung sagten sie, da ginge es um die Liebe zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau.

Bundeskanzler: Sehr gut. Ein bissl bös sein, schadet nie. Weiter!

Kanzleichef: Und für den Bruder?

Bundeskanzler: Da hab ich eine Idee. Etwas Philosophisches, was kein Mensch kapiert. Sehr dick. Den Sloterdijk fragen. Rufen Sie ihn gleich morgen an, Schöne Grüße von mir, er soll uns unlesbare Schwarten empfehlen, hähä! Auf den Jörgl sein Gfries beim Auspacken können's gespannt sein.

Kanzleichef: Der Sloterdijk wird wohl ein eigenes Werk empfehlen.

Bundeskanzler: Werden's net bös. Der Sloti ist ja fast schon ein Freund. Und ich sag Ihnen, wenn er bei Ihnen sitzt und genau erklärt, was er meint, versteht man's ... fast. Naja.

Kanzleichef: Die eigene Mannschaft?

Bundeskanzler: Die dürfen wir nicht überfordern, irgend so ein Agatha-Christie-Zeug. Am besten etwas, das schon verfilmt worden ist. Das werden ein paar schon kennen, die tun sich dann beim Nachlesen leichter. Übrigens, Herr Kollege, wenn Sie mir auch eine Freude machen wollen: Krimi gern. Aber nur hard boiled.

Kanzleichef: (gewitzt) Keine Christie.

Bundeskanzler: Keine Christie unterm Baum, wir verstehen uns. (vertraulich) Wissen Sie, mit der Plassi ging's auch gut, aber ein paar Dinge, die ich mir so denke, musste ich leider für mich behalten. Immer. Will sagen, bei Ihnen kann ich mich anders gehen lassen, Sie verstehen.

Kanzleichef: Ehrt mich.

Bundeskanzler: Nicht pathetisch werden, bleiben wir Männer. Wir haben's fast. Die Gehrer. Die Liesl darf mir nicht so davon kommen, da muss uns noch was einfallen.

Kanzleichef: (denkt kurz nach, pfeift plötzlich)

Bundeskanzler: Na! Sagen Sie's!

Kanzleichef: Was wäre mit einem kunstgeschichtlichen Band über den schiefen Turm von Pisa. (erwartungsvoll) Hätte das nicht Ironie?

Bundeskanzler: Sie verblüffen mich. Aber, (denkt kurz nach) hat das Ironie? Beleidigen darf ich sie nicht. Ist eine Tirolerin, müssen Sie bedenken, sofort eingeschnappt. Wissen's was, fragen's deswegen auch den Sloterdijk. Haben Sie gleich zwei Gründe ihn anzurufen. Wozu ham ma unsere Hausphilosophen. Wie sagte schon Sokrates: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Kanzleichef: So sollte jede Parlamentssitzung beginnen, und dann folgt das große, gnadenlose Schweigen.

Bundeskanzler: Werden's jetzt nicht philosophisch. Wir müssen praktisch denken.

Kanzleichef: War das wirklich Sokrates? (x)

Bundeskanzler: Fragen's den Sloterdijk.

(beide ab)

Text: Robert Weichinger · 17.12.2004

(*) George Mallory
(x) Ludwig Wittgenstein

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