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Kultur

Alle Tage

Sprachliches Labyrinth

Vier Jahre hat Terezia Mora an diesem Buch geschrieben. Lässt man sich aber auf Moras komplizierte Sprach- und Gedankenspiele ein, dann offenbart sich ein besonderes Buch, das mit bemerkenswerter Sensibilität Themen wie Heimatsuche oder Einsamkeit behandelt.

An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den Übersetzer Abel Nema kopfüber von einem Klettergerüst baumelnd. Die Füße mit silbernem Klebeband umwickelt, ein langer, schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind.

Mit diesem ungewöhnlichen Bild beginnt der neue Roman von Terezia Mora. "Alle Tage", so der Titel, ist die Geschichte von Abel Nema, einem Heimatlosen, der vor einem Bürgerkrieg fliehen musste und seither ziellos in Mitteleuropa umherstreift, und einem Sprachbegabten, der zehn Sprachen beherrscht und sich seinen Lebensunterhalt als Übersetzer verdient.

Ein seltsamer Charakter

Dieser Abel Nema ist ein seltsamer Charakter, eine Art Randfigur, der die Autorin mit zielstrebiger Beharrlichkeit folgt, ein stiller Beobachter, fast autistisch im Umgang mit der Welt. Ob er sich auf die Suche nach seinem vor 20 Jahren verschwundenen Vater macht, ob er sich einigen Musikern anschließt und auf einer Tournee ganz nebenbei Zeuge eines Mordes wird, ob er mit Mercedes, der Assistentin seines Professors, eine Scheinehe eingeht und sich in ihren einäugigen Sohn Omar verliebt, immer bleibt Abel Nema trotz seiner Präsenz beinahe schemenhaft.

Irgendwie folgt man Abel Nema in all seiner Konturlosigkeit durch mehr als 400 Seiten, in der Hoffnung, doch einmal etwas mehr über ihn zu erfahren. Aber sogar in einem Kapitel, in dem Abel Nema selbst als Erzähler auftritt, bleibt fraglich, wie weit man ihm wirklich glauben kann: "Wie ehrlich ist einer, der gerade enthemmt ist durch Drogen, vielleicht sehr, vielleicht gar nicht", meint dazu die Autorin.

Absurde Situationen

Vor seiner Erlösung jedoch durchlebt Abel Nema alle möglichen skurrilen und absurden Situationen, die Terezia Mora in ein kompliziertes sprachliches Labyrinth bettet. Sie wechselt nicht nur die Erzählperspektive, sondern auch die Tonart, schreibt mal flapsig, mal konservativ, schleicht sich durch Worte und Sätze und manchmal auch nur durch Satzfragmente.

Das Leben! Steht schwankend auf dem Tisch, schreit zwischen zwei Schluchzern, mal ist es Lachen, mal Weinen: Leben! Das wahre! Freunde! Jetzt! Wir! Eingekeilt zwischen unseren Vätern und unseren Söhnen. Unseren... Was wollte ich noch mal? Eingekeilt. Vätern... Egal! Jetzt! Neu! Und alt auch! Alles ist hier! Wir! Ich sage...! Ich liebe euch, Jungs!

Entfremdung durch Sprache

Jene Sprache aber, die Terezia Mora so spielerisch-raffiniert einsetzt, hat für ihren Protagonisten eine ganz andere Bedeutung. Abel Nema findet in seinen Sprachen keine Heimat, vielmehr scheint er sich mit jedem neuen Idiom noch weiter von sich selbst und seiner Umwelt zu entfremden.

So ist Terezia Moras Buch nicht zuletzt ein Roman über die Suche nach einer Heimat, eine Suche, die vielleicht zum Ziel führen wird, als Abel Nema am Ende den Rückhalt seiner Sprachen verliert.

Gestaltung: Irene Binal · 05.09.2004

Buch-Tipps
Terézia Mora, "Alle Tage", Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 3630871852

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