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Online-Aktionsplattform - made in USA

Initiiert wurde die progressive Online-Bewegung MoveOn vor etwa sechs Jahren in Kalifornien. Inzwischen gilt sie als größte politische Aktionsplattform in den USA. Derzeit macht sie unter dem Motto "Take Back the White House" gegen Präsident Bushs Wiederwahl mobil.

Über die Spot-Kampagne gegen Präsident Bush

Die amerikanische Netzgemeinde "MoveOn" wächst und wächst. Vor etwa sechs Jahren im kalifornischen Silicon-Valley initiiert, gilt sie heute bereits als größte politische Aktionsplattform in den USA und zählt inzwischen mehr als zwei Millionen User. Und täglich werden es mehr. Kein Wunder! Im kommenden November sind Präsidentenwahlen, und der Wahlkampf beginnt bereits am 4. Juli. Grund genug für das linke Gegenstück zur rechten "Christian Coalition", gegen Präsident Bushs Wiederwahl mobil zu machen.

(c) APA

"50 Wege, Dein Land zu lieben"

"Die vielleicht aufregendste Lektion, die wir in den sechs Jahren lernten, ist: Wenn Menschen wirklich die Gelegenheit bekommen, etwas zu verändern, melden sie sich in großer Zahl", sagt Joan Blades, die gemeinsam mit ihrem Ehegatten Wes Boyd die Initiatoren der MoveOn-Aktionsplattform sind.

In diesen Tagen feiert diese Online-Bewegung ihre erste Buch-Premiere: "50 Wege, Dein Land zu lieben", heißt der seltsam altbackene Titel: Die 150-seitige Schrift versteht sich als Leitfaden für Liberale, die zwar politisch aktiv werden möchten, aber nicht so recht wissen, wie.

In Hunderten von Buchhandlungen in den USA fanden dazu Veranstaltungen statt, wo sich regionale Sektionen von Umwelt- und Bürgerrechtsorganisationen wie "Greenpeace" oder "Jobs with Justic" trafen. Das Ergebnis: Das MoveOn-Taschenbuch steht derzeit auf den Bestseller-Listen der New York Times und des Online-Riesen Amazon auf Platz 7.

Die Arbeitsweise von MoveOn

"Wir sind ein Dutzend Leute, verteilt im ganzen Land. Wir arbeiten meist von zu Hause aus, sind also buchstäblich ein virtueller Verbund. Wir kommunizieren vor allem über E-Mail, einmal die Woche telefonieren wir als Gruppe miteinander. Und dann ist natürlich die ganze Organisation online vernetzt."

So beschreibt Joan Blades die Arbeitsweise des kleinen Leitungsteams.

Petitionen per Mausklick

Per E-Mail mobilisiert die Leitungscrew dann ihre mehr als zwei Millionen Mitglieder zu Aktionen online: häufig, um per Mausklick an Petitionen oder Protestschreiben teilzunehmen.

So zum Beispiel in diesen Tagen mit einer Unterschriftensammlung gegen papierloses Wählen im kommenden November bei den Präsidentenwahlen. Dann nämlich sollen die Stimmberechtigten in Teilen der USA elektronisch per Fingerdruck entscheiden können, wer ihr nächster Präsident werden wird.

"Die ganze Wahrheit über den Irak-Krieg"

Im Juni letzten Jahres rief MoveOn seine Mitglieder auf, sich gegenseitig zu wichtigen Themen zu befragen. 20.000 beteiligten sich an diesem Brainstorming. Das Resultat waren 10.000 Seiten Material, die das Leitungsteam dann auswertete. Zuoberst auf der Interessensskala: Sicherheit, Irak, Energie und Umwelt.

Als eine direkte Folge dieser Erhebung entstand beispielsweise ein Dokumentarfilm, den MoveOn bei Regisseur Robert Greenwald in Auftrag gab. Sein Titel: "Enthüllt. Die ganze Wahrheit über den Irakkrieg." In dieser schonungslosen Demontage werden zunächst die Gründe rekapituliert, die die Bush-Regierung für ihre Irak-Offensive angeführt hat. Zwanzig Geheimdienstler, Nahost-Experten und ehemalige Waffeninspekteure zerzupfen dabei die Stichhaltigkeit der Argumente der Bush-Regierung und fordern einen Kurswechsel.

Ganz im Stil von Underground-House-Parties wurde Greenwalds Dokumentation nicht in Kinos lanciert, sondern in privaten Wohnungen und Häusern. MoveOn-Mitglieder brauchten nur online eine Video-Kassette zu bestellen und ihre Party auf einer speziellen Website anzumelden. Alles andere blieb jedem einzelnen überlassen. Über 23.000 Kopien haben die Online-Aktivisten bestellt, annähernd 2700 House-Parties angemeldet.

"Bush in 30 Sekunden"

Noch weiter ging MoveOn letzten Herbst mit dem Wettbewerb "Bush in 30 Sekunden". In einer E-Mail war die gesamte Online-Gemeinde aufgerufen, für den amerikanischen Wahlkampf Bush-kritische Fernseh-Spots zu produzieren. Über 1000 Beiträge wurden eingereicht. Per Internet kam's zu einer basisdemokratischen Vorauswahl. Die Finalisten benotete dann eine Jury aus Prominenten, darunter Oscar-Preisträger Michael Moore und Hip-Hop-König Russel Simmons.

Einer der prämierten TV-Filmchen zeigt Präsident Bushs Konterfei in verschiedenen, nicht immer allzu vorteilhaften Posen. Dazu legt ihm ein Stimmen-Imitator in den Mund, was er vor Beginn der Irak-Offensive hätte sagen müssen, wenn er ehrlich gewesen wäre, nämlich: "Es gibt keine Beweise für Massenvernichtungswaffen, keinen Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September, keine Indizien für das nukleare Potential Iraks und keine unmittelbare Bedrohung für die USA."

"Falls Bush dies gesagt hätte ... Wären die USA dann in den Krieg gezogen?" - fragt der Werbespot weiter und fordert: "Der Kongress muss den Präsidenten maßregeln. Er hat das Volk getäuscht."

Spots wurden zu Verkaufsknüllern

Einige der prämierten Spots flimmerten in den USA bereits über die Kanäle großer Sender. Eine Kassettenkopie mit den 56 besten Spots wurde derart zum Verkaufsknüller, dass es zurzeit Lieferprobleme gibt. Die Filmchen werden zum Gaudi an House Parties gezeigt und als Pausenfüller bei Filmfestivals. Sogar der US-Senat und das australische Fernsehen haben sich Kopien besorgt.

Stürmische Proteste von rechts

Doch Erfolg bringt nicht nur Nachahmer. Erfolg schafft auch Gegner. Als MoveOn seinen Wettbewerb "Bush in 30" durchführte, hagelte es zum Beispiel von rechtskonservativen Kommentatoren und Politikern Kritik. Anlass waren zwei von über 1000 eingereichten Wettbewerbs-Beiträgen, die George Bush mit Adolf Hitler verglichen. "Die beiden Spots schafften es nicht einmal in die interne Vorauswahl, geschweige denn in die Fernseh-Kanäle," argumentiert MoveOn-Initiatorin Joan Blades.

MoveOn's Erfolg führte jedenfalls dazu, dass politische Gegner schon seit Monaten zum Angriff auf den Nonprofit-Status der Basisorganisation blasen. Der Vorsitzende der Republikanischen Parteizentrale sieht in ihr das Instrument der Demokraten, die Kampagnen-Finanzierungsgesetze zu unterlaufen.

"MoveOn auf solidem Grund"

Dieser Vorwurf sei eigentlich unberechtigt, meint dagegen der Politologieprofessor Michael Cornfield:

"Der Sinn des Kampagnen-Finanzierungsgesetzes ist es, zu verhindern, dass das Geld großer Firmen und Gewerkschaften die amerikanische Politik pervertiert. Das Gesetz zielt aber nicht wirklich auf Einzelorganisationen und Basisgruppen ab. Ich glaube deshalb, MoveOn steht auf solidem Grund."

Eine entsprechende Klage ist beim Federal Election Committee anhängig. Darüber befinden wird das paritätisch zusammengesetzte Kontrollgremium aber erst nach den Präsidentschaftswahlen.

"Take back the White House"

... heißt einer der Slogans, mit dem MoveOn in diesen Monaten seine Netzgemeinde gegen die Bush-Regierung mobilisiert. Ob es im November tatsächlich zu einem Machtwechsel in Washington kommen wird? Die Zukunft wird es weisen...

28.06.2004

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