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Kultur

Sasse zur Josefstadt: "Nicht in den Startlöchern"

Wien-Heimkehrer Heribert Sasse

Fast drei Jahrzehnte hat Heribert Sasse die Theater-Szene Berlins mitgeprägt. Nach Schließung des "Schlossparktheaters" liegt sein Lebenszentrum wieder in Österreich. Derzeit ist Sasse in Wien als "Herr Karl" zu sehen.

Rund 30 Jahre lang hat Heribert Sasse (58) als Schauspieler, Regisseur und Intendant das Berliner Theaterleben mitgeprägt. Nach der Schließung des zuletzt von ihm geleiteten "Schlossparktheaters" vor zwei Jahren hat der gebürtige Linzer seinen Lebensschwerpunkt aus der deutschen Hauptstadt wieder nach Österreich verlegt.

Derzeit ist er als "Der Herr Karl" im Theater im Zentrum zu sehen. Mit der APA sprach Sasse, der als "Spezialist für kaputte Theater" (Sasse über Sasse) auch für die "Josefstadt"-Leitung im Rennen war, über Pläne, Wünsche und die Wiener Kulturpolitik.

Gratzers Absetzung ist "Schnellschuss"

Als Intendant, der alle seine Bühnen um bis zu 30 Prozent in der Auslastung steigern konnte, war Sasse 2001 auch als potenzieller Nachfolger von "Josefstadt"-Direktor Helmuth Lohner im Gespräch.

"Man hat mich gefragt, ob ich es machen würde, und ich habe gesagt, unter welchen Bedingungen. Es stand dann zwei zu zwei für mich und (Hermann, Anm.) Beil. (Helmuth, Anm.) Lohner hat sich für Beil entschieden, der hat sich - warum auch immer - zurückgezogen -, und dann ist es (Hans, Anm.) Gratzer geworden", erzählt Sasse.

"Sicher nicht in den Startlöchern"

Generell, so Sasse, habe er allerdings "ein bisschen das Gefühl, dass man hier nicht ganz genau weiß, was man mit seiner Kulturlandschaft machen will. Statt Anforderungsprofile zu erstellen, probiert man so aus. Man kann nur hoffen, dass Österreich sich wirtschaftlich so entwickelt, dass man sich das leisten kann."

Er selbst sitze jedenfalls "ganz sicher nicht in den Startlöchern" für die Josefstadt, beteuert Sasse. Zumal die Vorgangsweise um Gratzers Abgang für einen neuen Leiter auch eher abschreckend sei. "Ein Theater sanieren erfordert Zeit und ein bisschen Ruhe. Leer haben Sie ein Haus in drei Monaten. Aber es voll zu machen, dauert drei Jahre." Grundsätzlich würde er schon gern noch einmal ein Theater leiten, räumt er auf Nachbohren zwar ein - aber nur "wenn ich die Möglichkeit habe, die Konstellationen dafür maßgeblich zu bestimmen."

Handwerk von der Pike auf gelernt

Sasse ist ein Theatermann, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat: Nach einer Ausbildung zum Elektrotechniker begann er mit 18 zunächst ein Gesangsstudium, wechselte aber angesichts wenig verheißungsvoller Karriere-Aussichten - "Stellen Sie sich vor: Ich im Volksopernchor. Das wäre ja schrecklich - ich meine für die Volksoper!" - bald zur Schauspielerei.

Erste kleine Rollen spielte er am Wiener Volkstheater und arbeitete aushilfsweise als Beleuchter, Inspizient und Regieassistent. 1970 holte Boleslaw Barlog den 25-Jährigen vom Münchner Kellertheater an das "Schillertheater" nach Berlin. In den folgenden Jahren spielte er an verschiedenen Häusern in Deutschland und Österreich und profilierte sich zunehmend auch als Regisseur.

Gobert-Nachfolger als Schauspielbühnen-Leiterin

1980 wurde Sasse zum Intendanten des Berliner "Renaissancetheaters" berufen, 1985 als Nachfolger von Boy Gobert zum Generalintendanten der "Staatlichen Schauspielbühnen Berlin" mit seinen drei Spielstätten "Schillertheater", "Schlossparktheater" und "Werkstatt". Als ihm der Senat 1990 ein Mehrheitsdirektorium beistellen wollte, entschied sich Sasse gegen eine Verlängerung seines Vertrags.

Drei Jahre später, nachdem unter der so genannten "Viererbande" Alfred Kirchner, Alexander Lang, Vera Sturm und Volkmar Clauß die Auslastung des Hauses von 86 Prozent um zwei Drittel gesunken war, wurde das "Schillertheater" allerdings geschlossen. Wieder zwei Jahre darauf eröffnete Sasse das "Schlossparktheater" erneut und führte es als Privatbühne. Bis ihm 2002 - trotz der beachtlichen Auslastung von 64 Prozent (im freien Verkauf, ohne Abo) - die öffentlichen Förderungen entzogen wurden. Seither ist das Theater geschlossen.

Sasses Rollen-Wünsche

An Wünschen für zukünftige Rollen mangelt es Heribert Sasse nicht: Schillers "Kabale und Liebe" oder "Die Kindsmörderin" von Heinrich Leopold Wagner würde er gern inszenieren und noch einmal Brechts "Arturo Ui", einen seiner größten Erfolge am Renaissancetheater, mit sich selbst in der Titelrolle.

Immerhin - die meisten Big Player der Wiener Theaterszene sind ihm ja bestens vertraut: Thomas Birkmeir und Michael Schottenberg waren unter seiner Intendanz Oberspielleiter am Schlossparktheater, Klaus Bachler war sein Betriebsdirektor am "Schillertheater". "Ich glaube, ich habe Wien ganz gut platziert", lacht Sasse.

Schottenberg "beste Lösung für Volkstheater"

Er ist überzeugt, dass Schottenberg, "dieser zirzensische Geist", "die beste Lösung für das Volkstheater" ist - obwohl man auch ihn selbst gefragt hat, ob es ihn nicht reizen würde, das Haus zu leiten. Über eine künftige Zusammenarbeit am Volkstheater sei man immerhin "schon am Denken".

Derzeit laufen aber noch einige ältere Projekte: Sasses Inszenierung von Sandor Marais "Die Glut" tourt noch durch Deutschland, auch als "Herr Karl" und mit seiner erfolgreichen Solo-Performance "Die Leiden des jungen Werthers" will er weiter auf Tournee gehen.

"Herr Karl" bis März im "Theater im Zentrum"

Bis Ende März spielt er noch "Der Herr Karl" am "Theater im Zentrum", in der Regie von Hausherr Thomas Birkmeir. Eine Produktion, mit der er nach der Premiere in Berlin in aller Welt - "sogar in Kasachstan" - Erfolge feierte.

Dass man ihm als "Herr Karl" nun auch in Wien, wo diese Rolle so stark mit Helmut Qualtinger identifiziert wird, ein derart freundliches "Welcome" bereitet, freut den Heimkehrer besonders. "Aber ich sehe das ohne Sentimentalität", bleibt Sasse nüchtern, "Ein guter Bekannter hat gesagt: Warte einmal. Wenn du erst länger hier bist, dann beißen sie dich schon in die Waden."

18.02.2004

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