"Die Mitte der Welt"

Als einen "aufmerksamen Chronisten des Vergangenen, Verschwundenen, des Abseits-Liegenden" loben Kritiker den Schriftsteller und Filmemacher Rudi Palla. Jüngst erschien sein neues Buch "Augentrost und Teufelskralle" - ein Herbarium besonderer Art...

Rudi Palla über seine Kindheit

Bücher über das Leben auf dem Land, über unterschiedliche Erziehungsmodelle, über verschwundene Berufe, über Pflanzen und Bäume, Drehbücher über das Schicksal eines Arbeiters, Dokumentarfilme über Nepal, Nikaragua - Rudi Palla hat sich als Schriftsteller und Filmemacher in viele Bereiche vorgewagt und kann auf ein spannendes Werk verweisen, das in den letzten 25 Jahren entstanden ist.

Vom Marktforscher zum Filmemacher

Es ist im Rückblick oft erstaunlich, wie manche Wegkreuzungen den weiteren Lebensweg bestimmen. Bei Rudi Palla war es eine Lehrstelle, die einfach nicht zu finden war. So wurde aus ihm kein Schriftsetzer, sondern er studierte Maschinenbau am Technologischen Gewerbemuseum in Wien. Von 1964 bis 1973 arbeitete er für ein namhaftes schwedisches Unternehmen für Bergwerksausrüstung, zunächst auf dem Gebiet der Marktforschung, dann als Regional-Manager für Südost-Europa. Auf seinen Reisen zu den Bergwerken entwickelte sich - wie er selbst sagt - mehr und mehr sein politisches Bewusstsein. 1973 beschließt er, sich der Filmarbeit zu widmen, vor allem der Dokumentarfilm reizt ihn.




Mit Kamera und Schreibstift

Nach erfolgreichem Diplomabschluss in Bildtechnik an der Filmhochschule in Wien wirkte er 1978 als Kameramann und filmischer Berater des Ethnologen und Gestalters Michael Oppitz am Film "Schamanen im Blinden Land" mit. "Der Traum des Sandino", ein preisgekrönter Dokumentarfilm über Nikaragua, ein Jahr nach dem Sturz des Somoza-Regimes sowie "Reise ins Ungewisse", ein Dokumentarfilm über die Payer-Weyprecht-Polarexpedition folgten.

Palla hat zahlreiche Filme in den letzten Jahren gedreht, zuletzt gestaltete er die Dokumentation "Unterwegs nach Babylon" über Christoph Ransmayr als "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen und "public art" über Kunst im öffentlichen Raum in Niederösterreich. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Syndikats der Filmschaffenden Österreichs und war 1980 auch Mitbegründer der Filmproduktion "Extrafilm".

Vom Filmemacher zum Schriftsteller

In den 70er Jahren lernte Rudi Palla in Griechenland den Schriftsteler Peter Turrini kennen. Sie beschlossen gemeinsam Drehbücher für eine Fernsehspielreihe zu schreiben. Die legendäre "Arbeitersaga" entstand. Vom Drehbuch zum literarischen Buch war es dann nicht mehr weit ...

1989 erschien sein erstes Buch mit dem prägnanten Titel "Die Mitte der Welt". Untertitel: "Bilder und Geschichten von Menschen auf dem Land."

Lebendige Menschenbilder

"Die wahre Welt liegt immer in der Mitte, im Zentrum. Denn nur dort gibt es eine Durchbrechung der Ebenen und damit eine Verbindung zwischen den kosmischen Zonen Himmel, Erde und Hölle. Es handelt sich immer um einen vollständigen Kosmos, wie groß oder klein er auch sein mag.“

Dieses Zitat von Mircea Eliade ist dem Buch "Die Mitte der Welt" vorangestellt. Zu den Fotografien des Zuckerbäckers Karl Piaty schrieb Palla literarische Annäherungen an das Leben auf dem Land, an diese "Mitte der Welt", die - in diesem Fall - in Waidhofen an der Ybbs zu lokalisieren ist. Es sind Bilder und Menschen auf dem Land, die er beschreibt. Man lernt den Holzschuhmacher, den Erfinder, die Gemischwarenhändlerin, die Krämerin kennen, es sind biografische Annäherungen, die berühren.

"Sprechende Namen"

Von Menschen und ihrem Alltag, von ihrem Handwerk erzählt Rudi Palla auch in seinem Buch "Verschwundene Arbeit", das zuletzt unter dem Titel "Das Lexikon der untergegangenen Berufe" bei Eichborn neu aufgelegt wurde. Ausgehend von "sprechenden Namen" gibt Palla darin Auskunft über die "verschwundene Arbeit", über Arbeiter und Handwerker und ihre Tätigkeiten. Mit A wie Abdecker - auch Freiknechte, Fall-Wasen- oder Feldmeister, Kafiller, Schinder, Abstreifer - beginnt dieses 450 Seiten starke Lexikon, mit Z wie Zöllner - auch Zoller, Zollheber, Mautner - endet es.

"Sprechende Namen" spielen auch in seinem jüngsten Buch eine große Rolle. Wer in diesem Bilder-Lese-Buch mit dem Titel "Augentrost und Teufelskralle" blättert, sieht allein schon bei den Namen einen Kosmos von Blüten und Pflanzen, von Farben und Formen vor sich. Man erfährt Geschichten vom Frauenschuh und der Bärentatze, vom Donnerbusch und Rauschpfeffer, Natternkopf und Eisenhut, Milchdieb, Flohkraut, Wesenwolf, Hexenzwirn und Tausendschön...

"Herbarium der besonderen Art"

Es gibt Bücher, die man so gern selbst in die Hand nimmt, dass man beginnt, weitere Exemplare zu kaufen, um sie an Freunde weiterzuschenken. "Augentrost und Teufelskralle" von Rudi Palla und der Illustratorin Renate Habinger ist so ein Buch, das gleichermaßen als Lese-, aber auch als Schau-Buch gesehen werden kann. Literarisches, Kulturhistorisches, Volkstümliches, Mythologisches und Etymollogisches vermischt sich in den Texten dieses "Herbariums der besonderen Art". Unbedingt lesens- und sehenswert!

"Chronist des Unbemerkten"

Rudi Palla, ein "aufmerksamer Chronist des Vergangenen, Verschwundenen, des Unbemerkten, des Abseits-Liegenden", wie ihn die Kritiker loben - lebt und arbeitet in Wien, in einer gemütlichen Wohnung im vierten Bezirk, wo es auch zum Gespräch für dieses "Menschenbild" kam.

Über Privates wollte er eher nicht reden ... "Für Lilly" steht als Widmung in seinem Buch über untergegangene Berufe. Rudi Palla zeigte als Erklärung ein Foto und ermöglichte so doch noch einen - kurzen - privaten Einblick.

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