Mit Erzherzog Johann durch die alte Steiermark
Der erste Tourist
"Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren unsere Gebirge vollkommen unbekannt. Es gab keinen Touristen, ich war der Erste, welcher von dem österreichischen Schneeberge aus die steiermärkischen Alpen sehend, mich dahin wandte!" (Erzherzog Johann)
27. April 2017, 15:40
Als "1. Tourist" sah sich der "steirische Landesvater" Erzherzog Johann, geboren am 20 Jänner 1782 als eines von 16 Kindern des Großherzogs Leopold von Toskana. Eine der Erziehungsanweisungen Leopolds für die kleinen Prinzen lautete, dass ihre Spaziergänge stets mit einem bestimmten Zweck verbunden sein sollten, zum Beispiel mit Besuchen oder Besichtigungen, und dass man sie möglichst oft "mitten unter die Leute führen" solle, und "sie daran gewöhnen, Bekannte anzureden, auf dem Land selbst Bauern".
Die zweite Heimat
Erzherzog Johann besaß keinen ständigen Wohnsitz, sondern war beinahe sein ganzes Leben unterwegs. Sein Aufenthalt in der Steiermark war allerdings kein freiwilliger, das Land war seine zweite Heimat - nach dem von ihm über alles geliebten Tirol. Erzherzog Johann hatte Andreas Hofer im Freiheitskampf gegen die Bayern unterstützt. Erst nach dem Scheitern dieser Unternehmung wandte er sich dem Land hinter dem Semmering zu - von Wien aus gesehen.
"In schönster jungfräulicher Blüte"
Den ländlich orientierten Erzherzog zog es nicht zu Hofe, wie auch seine höchst private Wahl belegte: Anna Plochl, Postmeisterstochter aus Aussee, die spätere Gräfin von Meran und Ehefrau des steirischen Erzherzogs.
Schlank gewachsen, über die mittlere Größe, in schönster erster jungfräulicher Blüte, sprach ihr Gesicht jeden durch das Gepräge der Unbefangenheit und Gemütlichkeit an.
Anekdotisches über und vom Erzherzog
"Orte der Liebe" heißt ein Kapitel in dem Buch, das die Autoren Inge und Karl Friedl nach den Aspekten "Die Eroberung der steirischen Berge", "Orte der Liebe", "Orte der Begegung", "Entdeckungsreisen", "Anekdoten" und "Chronik" geordnet haben. Das Anekdotische über ihn verwebt sich dabei mit dem Anekdotischen aus den Aufzeichnungen des Erzherzogs selbst:
Ich saß ruhig in der Ecke, als eine der Brentlerinnen zu mir kam und mich fragte, ob ich nicht tanzen wollte, ich hätte lang zugesehen. Ich also auch dabei mit einer nach der anderen, meinen Lieblings-Nationaltanz Steyerisch. Es ging gut. Es hieß: "Er tanzt so schnittig wie unsere Buben!" Ich lernte so manches!
Inge und Karl Friedl haben zu den Reisen und Wanderungen Johanns eine Fülle an Materialien gesammelt: Tagebuchauszüge des schreibfreudigen Adeligen, Briefe, Zeitzeugenberichte, und das alles garniert u.a. mit den bekannten Matthäus-Loder-Aquarellen über die steirische Almwirtschaft.
Der bürgerliche Adelige
Von 1850 bis zu seinem Tode im Jahr 1859 war der Erzherzog der erste frei gewählte Bürgermeister von Stainz, was seine Stellung als "bürgerlicher Adeliger" besonders gut illustriert. Von den Menschen wurde er angeblich stets als einer der Ihren anerkannt.
Mein abgetragener Rock, meine irchgefärbte Hose, wenn ich damit in das Haus eines von Elend und Armut gedrückten Landmannes gehe, sieht er seinem Unglück nicht Hohn.
Der "Vater aller Steirer"
Johann war ein wesentlicher Mit-Begründer des Tourismusgedankens in Österreich, allerdings immer aus der Warte eines Landesvaters und Volksbildners. Die Zeit des auch sozial egalitären Bergsteigens sollte erst mit den Bergsportvereinen der Arbeiterbewegung anbrechen, aber davon handelt dieses Buch nicht.
"Der erste Tourist" von Inge und Karl Friedl bedient ein positives Klischee von hoher Leuchtkraft: das vom guten, liebevollen, gerecht und ökologisch denkenden "Vater aller Steirer". Zum Glück gibt es aber noch solche Klischees, die sogar weitgehend der historischen Wahrheit entsprechen.
Buch-Tipp
Inge und Karl Friedl, "Der erste Tourist. Mit Erzherzog Johann durch die alte Steiermark", Styria Verlag 2003, ISBN 3222131309
