Auslandsamerikaner als Zeugen historischer Augenblicke
1990. Der Eiserne Vorhang ist gefallen. Mit einem Gefühl der Befreiung brechen auch junge Amerikaner auf in Richtung Osten, landen in Moskau oder Berlin, Warschau oder Budapest. Dort, in Budapest, im alten Café Gerbeaud, beginnt Arthur Phillips Buch.
Eine seltsame Gruppe, die in den vergangenen Wochen durch Partys, Familienbeziehungen, zufällig durch Freunde von Freunden von Freunden oder durch schiere, kaum erträgliche Aufdringlichkeit zusammengekommen ist: fünf Menschen, die im normalen Leben zu Hause auf eine Bekanntschaft keinerlei Wert gelegt hätten. Fünf junge Exilanten hocken um einen zu kleinen Kaffeehaustisch - ein Augenblick vollkommener Bedeutungslosigkeit, der dennoch etwas Klischeehaftes hat.
Sie treffen sich im Café Gerbeaud mit seinem Alte-Welt-Charme, zum Spaziergang auf der Margareteninsel, und in den verrauchten Kellern, wo junge Amerikaner mit den ungarischen Jazzern improvisieren oder ausgeflippte Performances stattfinden.
Es ist eine aufregende Zeit. Die jungen Ex-Pats, also Auslandsamerikaner, sind Zeugen und Beteiligte historischer Augenblicke, und sie wissen es. Die Amerikaner erleben sich sozusagen in dritter Person und in literarischer Brechung. Das heimliche Vorbild heißt Paris nach dem Ersten Weltkrieg, Hemingway, the lost generation.
Zwei Jahre, von 1990 bis 1992, war Autor Arthur Phillips selbst in Budapest, spielte Jazz und jobbte als Finanzmanager durch. "Das Buch ist nicht nach der Stadt Prag benannt," sagt er, "sondern nach dem Wunsch, woanders zu sein. Ein Thema des Buches ist die Vorstellung, dass man sich, wenn man woanders wäre, oder jemand anders wäre, oder zu einer anderen Zeit lebte oder einen anderen Beruf hätte, 'authentischer' oder 'wirklicher' fühlen würde."
Der Roman "Prag", der nicht in Prag spielt, handelt von Sehnsucht. Die Nostalgie personifiziert ein nur leicht überzeichneter junger Kulturwissenschaftler namens Mark, der in Budapest für eine Geschichte der Nostalgie in staubigen Archiven und Antiquariaten stöbert, dem das Vergangene zur Sucht wird, der sich überidentifiziert mit diesem Land und seiner Geschichte, seinen historischen Bauten.
"Prag" handelt auch vom Zusammenprall verschieden gepolter Kulturen. Daraus entsteht viel Situationskomik und funkensprühende Spannung. Es funktioniert, weil Arthur Phillips sehr genau beobachtet: die merkwürdigen Gebräuche im fremden Mitteleuropa, aber auch die mitgebrachten Voreingenommenheiten, die man überwinden muss, wenn man nicht Tourist bleiben will.
Viereinhalb Jahre hat Arthur Phillips an den 500 Seiten geschrieben, und man merkt es ihnen an: eine durchgearbeitete, oft witzige Education sentimentale, ein sanfter und subtiler Psychothriller, spöttisch und liebevoll. Von der Form her konventionell, aber viel zu interessiert an den Protagonisten, um je seicht zu werden.
Die jungen Ex-Pats in Budapest werden früher oder später gegen ein quälendes Grundgefühl aller Ex-Pats ankämpfen: die Einsamkeit bzw. die Frage, ob sie vor ungelösten eigenen Problemen geflohen sind.
"Prag" ist ein Buch über die Entscheidungen, die zu treffen einen das Leben nötigt: Was tun mit ihm, dem Leben, vor allem, wenn man wählen kann? Wählen kann und muss man, denn - und hier kommen wir wieder zur Nostalgie - die Geschichte bleibt nicht stehen, weder die große noch die vergleichsweise kleine eigene.
Trotz seiner Bedeutungslosigkeit gab es diesen Augenblick, diesen Frühlingsnachmittag, der auf einer Kaffeehausterrasse in einer mitteleuropäischen Hauptstadt in den ersten Wochen ihrer postkommunistischen Ära unmerklich in den Abend überging. Es gab die Gläser mit Likör. Die diamantenen Lichtflecken zwischen ovalen, blattförmigen Schatten, optischen Täuschungen gleich. Die Bögen des gusseisernen Gitterzauns, der die Terrasse von dem öffentlichen Platz darum herum trennt. Den unbequemen Stuhl.
17.01.2004
Buch-Tipp
Arthur Phillips, "Prag", aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier, Schöffling Verlag 2003, ISBN 3895611484
Link
Prague - the novel